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Sie waren in einem georgischen Waisenhaus: drei Geschwister, zwei Jungen, ein Mädchen. Die Wände waren schmutzig, die Kinder krank, der kleine Bruder wurde regelmäßig von älteren Kindern geschlagen. Ein Sozialarbeiter brachte sie schließlich in das SOS-Kinderdorf Tiflis. Das Mädchen ist inzwischen 14 Jahre alt und hat ihrer SOS-Mutter zum Muttertag einen nachdenklichen Aufsatz geschrieben, der beschreibt, was das Wort ¿Mutter¿ für sie bedeutet.
Eines Tages hieß es, wir drei sollten in ein SOS-Kinderdorf gebracht werden. Ich sagte: „Ich gehe nicht! Es kann nur schlimmer werden.“ Schließlich wurde es in der Vergangenheit immer schlimmer für uns drei. Meine Brüder aber schwiegen. Der ältere wurde oft von den großen Jungs im Heim verprügelt. Er sah mich an und sagte: „Ich gehe überall hin, wenn ich nur nicht mehr verprügelt werde.“ Dann sagte auch ich ja. Meinen ersten Tag im SOS-Kinderdorf Tiflis werde ich nie vergessen. Wir kamen an, mit unseren schäbigen Kleidern, mit verschmierten Gesichtern und verfilztem Haar. Als ich aus dem Auto stieg, sah ich Kinder umherlaufen, sie spielten und lachten, unterhielten sich, sangen. Sie hatten einfach Spaß. Als wir an ihnen vorübergingen, sagten sie: „Hi!“ Man brachte uns zu einem der Häuser. Eine Frau mit kurzen Haaren öffnete die Tür. Der Duft von frisch gekochtem Essen wehte heraus. Mein Magen knurrte. Wir gingen ins Haus und sahen die anderen drei Kinder. Sie riefen: „Willkommen!“. Und dann sangen sie ein Lied für uns. Sie kicherten und luden uns zum Essen ein.
Eines der Kinder rief der Frau etwas zu. Es sagte: „Mama!“ Ich war neidisch. Meine Mutter hatte mich verlassen, bevor ich überhaupt „Mama“ sagen konnte. Ich hatte nie jemanden „Mama“ genannt. Der Mann, der uns hergebracht hatte, musste gehen. Er sagte, er würde bald wieder kommen und nach dem Rechten sehen. Dann wünschte er uns Glück in unserem neuen Heim mit unserer neuen Familie. Ich war schockiert: „Neue Familie?“ Diese Frau und diese Kinder sollten unsere neue Familie sein? Aber wie? Die Frau sagte uns ihren Namen und meinte, wir könnten sie bei ihrem Namen nennen, wenn wir das wollen. Mein älterer Bruder fragte, wie die anderen Kinder sie nannten. Da riefen alle „Mama!“. Also beschloss er, sie auch so zu nennen. Mein jüngerer Bruder wollte auch lieber Mama sagen. Aber ich schwieg. An diesem Tag aßen wir, duschten uns, bezogen unsere Zimmer. Dann gingen wir neue Kleider kaufen. Als ich zu Bett ging, kam die Frau noch einmal herein und wünschte mir eine gute Nacht. Ich fragte sie: „Muss ich dich Mama nennen?“ Sie antwortete: „Ich bin für euch da, ich sorge dafür, dass ihr sicher und geborgen seid, dass ihr gesund bleibt und eure Zähne putzt. Und, dass ihr euch geliebt fühlt.“ Sie strich mir über das Haar und küsste meine Wange. Ich wurde schläfrig. Und als ich fast eingeschlafen war, hörte ich mich sagen: „Gute Nacht, Mama.“ Das war der Moment, an dem ich die Bedeutung von „Mutter“ erfuhr. „Mutter“ bedeutet Sicherheit, Nestwärme. „Mutter“ ist Stabilität, Zärtlichkeit. Mutter bedeutet, eine warme Mahlzeit, ausgeschimpft werden wegen einer zerbrochenen Vase. „Mutter“ ist ein Lächeln für eine gute Schulnote. „Mutter“ ist das Wissen um all meine kleinen Geheimnisse. „Mutter“ ist die Sorgenfalte auf der Stirn, bedeutet Anteilnahme, Liebe. „Mutter“ ist die zärtliche Hand auf meinem Haar und ein warmer Gute-Nacht-Kuss. „Mutter“ ist das schönste Wort der Welt und ich liebe es „Mutter“ zu sagen.