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Viele junge Frauen in Deutschland wünschen sich bei dem Balanceakt zwischen Kindererziehung und Beruf wirkliche Gleichberechtigung. So mancher von ihnen mag es bei dem Begriff "die geborene Mutter" regelrecht die Haare sträuben: Die Vorstellung, Frauen seien allein durch ihr Geschlecht zum Muttersein bestimmt und ausschließlich sie seien geeignet, Kindern Stabilität und Geborgenheit zu geben, stand der Gleichberechtigung in Deutschland lange im Wege. Ihre Persönlichkeit auf eine angeborene Mütterlichkeit reduziert zu sehen, bringt auch heute noch viele Frauen in Rage. Eine unserer SOS-Kinderdorf-Mütter – Mama Ngundi in Nairobi – hat gerade durch die Verwirklichung ihres Herzenswunsches, Mutter zu sein, Freiheit, Unabhängigkeit und Glück gefunden.
Es ist ein warmer Nachmittag im stillen SOS-Kinderdorf. Bald kommen die Kinder von der Schule nach Hause. Die Luft flirrt. Der Asphalt der Wege ist so heiß, dass er unter den Füßen nachgibt. Die Menschen suchen im Schatten Schutz vor der Sonne. Vor einem der Häuser sitzt eine Mutter auf einem Schemel. Vor ihr ein Riesenhaufen Kartoffeln. Sie fängt gerade an zu schälen. Die heitere Gelassenheit, mit der sie dort eine der mühsamsten Hausarbeiten angeht, wirkt ruhig und freundlich. Sicher würde ihr ein wenig Gesellschaft gefallen.
Es ist Mama Ngundi: Die Frau, die nur Mutter werden wollte.Eigentlich hat Mama Ngundi einmal Kindergärtnerin gelernt. Das war 1982. In dem Jahr sah sie auch das erste Mal das SOS-Kinderdorf in Nairobi, erinnert sie sich heute. Ein Ausflug ihrer Ausbildungsstelle brachte sie ins Kinderdorf Nairobi, damit sie die verschiedenen Formen von Kinderbetreuung kennen lernen konnte. Die Zeit verging, sie begann als Kindergärtnerin zu arbeiten und vergaß diesen Ausflug.
Obwohl sie niemals heiraten wollte, wünschte sie sich sehr, eine Familie und Kinder zu haben. „Ich fragte mich, wie ich es je anstellen sollte, meine eigene, große Familie zu haben ohne dafür heiraten zu müssen.“ Die Abhängigkeit kenianischer Frauen von ihren männlichen Verwandten ist nach wie vor sehr groß. Allein lebende Frauen sind sozial wesentlich schlechter gestellt als Männer. Eine Familie ohne Mann und Rückhalt in der Verwandtschaft gut zu versorgen, ist sehr schwer.
Für Selbstverwirklichung als Frau gibt es in Kenia nur wenig Spielraum
Armut und Traditionalismus sind ernste Hindernisse einer Gleichberechtigung von Frauen in Kenia. Landespolitik, Gesetzgebung und Medien stärken Frauenrechte, aber der traditionell niedrige Status von Frauen lässt sich in der Gesellschaft Kenias tatsächlich nur schwer verändern. • Gewalt gegen Frauen ist ein ernstes und verbreitetes Problem• Traditionell ist es dem Mann erlaubt, seine Frau durch physische Gewalt zu disziplinieren. Sexuelle Gewalt in der Ehe wird toleriert. • 70% der Analphabeten im Land sind Frauen• In den meisten Regionen werden Frauen besonders im Eigentums- und Erbrecht stark benachteiligt. Die meisten ethnischen Gruppen versagen Frauen das Erbrecht völlig. Frauen sind so stets auf das Wohlwollen von Ehemann oder männlichen Verwandten angewiesen, um nicht obdachlos zu werden.(Quelle: http://www.afrol.com/Categories/Women/profiles/kenya_women.htm)
Ein Junge aus Mama Ngundis Familie1989 las Mama Ngundi eine Anzeige in der Zeitung: „SOS-Kinderdörfer bilden Mütter aus“. Da fiel ihr der Besuch im Kinderdorf Nairobi wieder ein. „Die Anzeige ermutigte mich. Ich qualifizierte mich. Dann war ich bereit: Ich hatte mich entschieden, dass ich so ein Leben wollte. Plötzlich war mir alles klar.“
Eine Familie ausfüllen und gestalten zu dürfen ist etwas Besonderes
Mama Ngundi wurde eine SOS-Mutter im SOS-Kinderdorf, wo ihr zehn Kinder anvertraut wurden. Heute sind diese Kinder im College oder an der Universität, eines hat gerade einen Abschluss als Wirtschaftprüfer gemacht. Obwohl diese ersten Kinder längst groß sind und jetzt in SOS-Jugendeinrichtungen leben, wächst Mama Ngundis Familie immer noch. Heute sitzen acht Kinder am Esstisch, eines davon ist gerade drei Jahre alt geworden.
„Mutter zu sein ist irgendwie angeboren, es ist einfach ganz natürlich“, sagt Mama Ngundi. „Aber es ist auch eine Herausforderung, weil die Kinder hier in ihrer Vergangenheit so Unterschiedliches erlebt haben. Es dauert immer eine ganze Weile, bis Du sie beruhigt hast und bis sie bereit sind, sich auf ihre neue Umgebung einzulassen. Dann wirst Du eine Familie.“
Mama Ngundi hat durch das Muttersein für sich ein Lebenskonzept gefunden, das es möglich macht, die widrigen Bedingungen für Frauen im Land zu umgehen. Die Selbstverwirklichung in Deutschland und weltweit hat viele Gesichter. Ganz gleich aber, wie die Wahl auch fällt: Sich selbst zu verwirklichen bringt uns ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Schön, wenn Kinder daran teilhaben.