 Junge Flüchtlinge im SOS-Kinderdorf Nairobi, Kenia |
Dies ist die Geschichte von John. Der 14-Jährige lebte in Eldoret, der Stadt in Kenia, die am meisten heimgesucht wurde von den ethnischen Konflikten, die kurz vor Weihnachten wieder ausbrachen. Hunderte starben, tausende wurden verletzt, hunderttausende sind auf der Flucht. Mitte Januar schien sich die Lage zu beruhigen und Johns Schule öffnete wieder. John verließ morgens das Haus und als er gegen fünf Uhr nachmittags zurückkam, sah er schon von weitem, dass die Tür zu seinem Haus aufgebrochen war. Er lief hinein. Viele seiner Sachen waren weg, die Wohnung in Unordnung, sie waren ausgeraubt worden. Er rief nach seiner Mutter, aber sie antwortete nicht. Auch sie war verschwunden.
John rannte hinüber zu den Nachbarn, um herauszufinden, was passiert war. Sein Nachbar blutete am Bein, jemand hatte ihn mit einer Machete übel zugerichtet. John fragte ihn, wo seine Mutter war, aber der Nachbar antwortete nur: "Sie rannte um ihr Leben."
 Flüchtlingskinder, die auf eine medizinische Untersuchung warten. |
Banden mit Macheten und Pfeil und Bogen
John machte sich sofort auf den Weg zu einem provisorischen Flüchtlingscamp im Zentrum Eldorets. Dort hoffte er seine Mutter zu finden. Aber dann kam ihm eine Gruppe junger Männer mit Macheten, mit Pfeil und Bogen entgegen. John war klar, dass sie ihn überfallen würden, also hielt er einen Laster mit Flüchtlingen an und bat den Fahrer, ihn ein Stück mitzunehmen. Der Laster hielt allerdings erst an, als sie in Nairobi waren. Dann wurde John einfach ausgesetzt, 300 Kilometer von seiner Heimat entfernt.
Vier Tage lang lief John durch Nairobis Straßen und suchte in den Camps nach seiner Mutter. Er übernachtete auf der Straße, immer in Angst, jemand könnte ihn überfallen. Schließlich traf er auf Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, die ihn und andere Kinder in SOS-Kinderdorf Nairobi brachten. John ist jetzt in Sicherheit. Das Rote Kreuz sucht nach seiner Mutter.
 Lächeln trotz großer Trauer: Flüchtlingsmädchen im SOS-Kinderdorf Nairobi |
Ich möchte zurück zu meiner Mutter
Außer John sind noch 65 weitere Flüchtlingskinder im Laufe der letzten Wochen im SOS-Kinderdorf aufgenommen worden. Hier können sie die Schule besuchen, bekommen Kleidung und Essen. Sie alle haben ihre Mütter, Geschwister, Verwandten in den Wirren aus den Augen verloren. Von 18 Mädchen und Jungen ließen sich bisher die Eltern ermitteln. Doch viele wissen nicht einmal, ob ihre Angehörigen noch leben. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie wollen, dass die Gewalt endlich aufhört. "Ist mir egal, was die da oben machen", sagt John, "ich möchte zu meiner Mutter und wieder ganz normal zur Schule gehen!"
Wenn man die Kinder fragt, wie es ihnen im Dorf gefällt, lächeln sie trotz ihrer großen Trauer. Die meisten Kinder haben hier sogar mehr als sie zuhause hatten. Ein achtjähriges Mädchen rief aus: "Das sind ja Bücher! So viele Bücher! Und sie gehören alle den Kindern, nicht jemand anderem! Vielleicht habe ich irgendwann einmal auch so viele Bücher."
Drei Monate lang können die Flüchtlinge im Kinderdorf bleiben, während das Rote Kreuz nach ihren Eltern sucht. Falls die Familien nicht auffindbar sind, bleiben die kleineren Kinder im Dorf. Die Jugendlichen werden in das SOS-Familienstärkungsprogramm aufgenommen, das dafür sorgt, dass die Kinder eine Unterkunft bekommen und die Schule abschließen können.