Angefangen hatte alles mit Mladens Halbjahreszeugnis. Mit elf Jahren das jüngste Kind der SOS-Mutter Zehra im SOS-Kinderdorf Sarajewo, brachte er eine Eins mit nach Hause - in Bosnien die schlechteste Note. (Die beste ist die Fünf). Zehra war aufgebracht. "In dem Jungen steckt so viel Potential." Während seine vier Brüdern und seine Schwester gute Schüler waren, erklärte Mladen der Mutter, dass die Schule nutzloses Wissen vermittelt. Oder verrät dir Geographie, wie du eine Flanke schießt? Aber die Sorgen seiner Mutter gefielen Mladen auch nicht, und er versprach, sich zu bessern - naja, bis er die Jungs draußen mit dem Ball unter dem Arm vorbeiziehen sah.

Die Geschwister mit SOS-Mutter Zehra - Foto: SOS-Archiv
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Zu der Eins in Geographie kamen zwei weitere in Biologie und Geschichte und auch die Englisch-Note war nicht besonders. Und bald stand das nächste Gespräch zwischen seiner Mutter und der Klassenlehrerin an.
Der Plan, den die Geschwister ausheckten, hing vom Wohlwollen der Lehrerin ab. Wenn Sie der Mutter nichts von Mladens schlechten Noten sagen würde, versprächen sie ihr, dass sich ihr Bruder innerhalb von sechs Wochen deutlich verbessern werde. Die Lehrerin stimmte zu und Zehra kam vom nächsten Treffen zufrieden nach Hause.
Nun legten die Kinder los: Dragana übernahm den Geographie-Unterricht für ihren Bruder, Nikola kümmerte sich um Englisch, Nenad um Biologie und Zoran und Dragan um Geschichte. "Als ich den Bücherstapel sah, habe ich mir geschworen, dass ich es nie wieder so weit kommen lassen würde", erinnert sich Mladen. Wie üblich sah Zehra ihren Jüngsten zum Fußball spielen raus laufen - nur traf er sich tatsächlich mit einem seiner Geschwister in die Bibliothek zum Lernen.
Die sechs Kinder sind keine leiblichen Geschwister, sie haben nicht einmal alle die gleiche Religion, aber was eine Familie ist, das haben sie verstanden. Eine Woche vor dem verabredeten Termin hatten die Kinder ihr Ziel erreicht: Mladens Noten verbesserten sich auf Drei in Biologie, Geographie und Geschichte und sogar auf Vier in Englisch.
Euphorisch schwärmte die Lehrerin beim nächsten Treffen mit Zehra von deren Kindern. Erst als sie die erstaunte Miene der Mutter sah, erkannte sie, dass diese immer noch nicht eingeweiht war und klärte sie auf. Als Zehra nach Hause kam, saßen die Geschwister schweigend am Tisch und warteten auf ein Donnerwetter. Stattdessen brach Zehra in Tränen aus und umarmte einen nach dem anderen. "Ich war so stolz. Sie sind keine guten Kinder, sie sind die besten."