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SOS-Kinderdörfer Wo wir helfen Europa Russland Puschkin bei St. Petersburg Dorfgeschichten

"Mutig? Das hätte doch jeder für seine Geschwister getan!" 

Aleksandr* ist 15 und hat bereits eine Auszeichnung verliehen bekommen. Für seinen Mut. Vor zwei Jahren rettete er seinen beiden kleinen Geschwistern das Leben, als ihr Haus brannte. Doch die Auszeichnung ist Aleksandr nicht wichtig. Viel wichtiger ist ihm, dass er und seine Geschwister nach langer Trennung endlich wieder alle vereint sind: im SOS-Kinderdorf Puschkin in St. Petersburg, wo sie ein neues Zuhause gefunden haben.


Drei Geschwister im SOS-Kinderdorf bei St. PetersburgEin neues Zuhause im SOS-Kinderdorf: Aleksandr spielt mit seinen beiden kleineren Geschwistern Timor und Lyulya."Ich weiß noch genau: Es war am 19. Februar vor zwei Jahren. Wir lebten damals bei meiner Großmutter. Sie war mit meiner großen Schwester Alina einkaufen gegangen, und wir warteten solange zu Hause - schließlich war es sehr kalt. Während meine Geschwister spielten, muss ich eingeschlafen sein", erinnert sich der Junge. "Plötzlich wachte ich auf: Ich hörte die Schreie meiner Geschwister. Überall war Rauch und Feuer. Zuerst griff ich meinen Bruder Timor, der damals zwei Jahre alt war, und schleppte ihn ins Treppenhaus. Dann rannte ich wieder rein, um meine Schwester zu holen - sie war ja noch ein Baby."

Aleksandr schaffte es, beide Geschwister zur retten. Er rief die Nachbarn, die Feuerwehr und Krankenwagen alarmierten. "Als meine Oma zurückkam, war sie total geschockt und brachte kein Wort raus", erzählt er.

Ein neues Zuhause nach langem Reha-Aufenthalt

Nach dem Brand kamen die Kinder mit schweren Rauchvergiftungen ins Krankenhaus. Anschließend folgte ein langer Aufenthalt in einem Reha-Zentrum.

Doch wohin sollten sie danach? Die Mutter der vier Geschwister war schon einige Zeit als vermisst gemeldet und der Vater saß eine Gefängnisstrafe ab. So kam es, dass Aleksandr, Alina und Timor ins SOS-Kinderdorf gebracht wurden, während Lyulya, die Jüngste, die sich nur langsam erholte, in einem Waisenhaus für Kleinkinder blieb und im nahen Krankenhaus weiter behandelt wurde.

AleksandrAleksandr redet nur ungern über seine Auszeichnung, die er für seinen Mut bekommen hat.Eine Auszeichnung bekommen zu haben, ist Aleksandr fast peinlich

Inzwischen ist Aleksandr seit etwa einem Jahr im Kinderdorf. Er fühlt sich dort wohl und hatte von Anfang an keine Schwierigkeiten, sich einzuleben. "Ich finde es hier toll und fühle mich einfach zuhause", sagt er. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Wo unsere Mutter ist, wissen wir immer noch nicht. Aber mein Vater wurde inzwischen entlassen und er besucht uns hier manchmal."

Von der Auszeichnung für seinen Mut und seine Tapferkeit, die er damals vom Ministerium bekommen hat und die ihm an seiner Schule verliehen wurde, erzählt Alexandr nur ungern - es scheint ihm fast ein wenig peinlich zu sein. Ob er mit seiner Tat besonderen Mut bewiesen hat? "Ich weiß nicht", meint der 15-Jährige und zuckt mit den Schultern. "Vielleicht ja, vielleicht nein. Jeder andere hätte wahrscheinlich dasselbe getan."

Vaterrolle

Für seinen 4-jährigen Bruder Timor hat er die Vaterrolle übernommen: Der nennt ihn oft sogar "Vater Aleksandr". Nur manchmal bricht der Kleine aus - dann spielt er selbst Vater und dreht die Rollen um: "So, Sascha [die russische Kurzform von Alexander], jetzt aber husch in die Badewanne mit Dir!", befiehlt er dann.

Timor geht jetzt in den Kindergarten. Obwohl er sich auf seinen ersten Tag gefreut hatte verkündete er beim Heimkommen: "Das war’s. Ich werde nicht mehr zur Arbeit gehen!" "Das frühe Aufstehen hat ihn am Anfang ziemlich gestört", erzählt seine SOS-Mutter Natalya. Aber inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Er ist ein lieber und braver Junge. Am liebsten kocht er Porridge und wenn Natalya Erbsen kocht, möchte er auch auf jeden Fall mithelfen.

Lyulya mit ihrer SOS-Mutter"Am Anfang sagte sie nur 'nein' und 'ich will nicht', heute redet sie ohne Punkt und Komma", sagt Lyulyas SOS-Mutter.Die Geschwister leiden unter den Folgen des Feuers

Die kleine Lyulya - als es brannte, war sie noch ein Baby - ist inzwischen zweieinhalb und kam erst vor einem Monat ins Kinderdorf. Am Anfang sprach sie nur zwei Worte: "’et" und "abudu", also "nein" und "ich will nicht". "Inzwischen redet sie ununterbrochen, ohne Punkt und Komma", lacht ihre SOS-Mutter. "Als Timor kam, dachte ich, er sei ein ziemlich dominanter Charakter", erzählt sie weiter, "aber als Lyulya kam, war klar, dass sie das leicht übertreffen würde - sie ist viel bestimmter als er."

Leider haben die Kinder noch immer unter den Nachwirkungen des Feuers zu leiden, das sie beinahe umgebracht hätte. Als Lyulya im Waisenhaus war, war sie ständig krank. Jeden Monat wurde sie zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht, weil ihre Lungen so geschädigt waren. Bei dem Feuer war der Fernseher explodiert und die verbrennende Wandverkleidung hatte giftige Dämpfe abgegeben, die bei Aleksandr und Lyulya ernste gesundheitliche Probleme verursachten.

Die Geschwister sind wieder vereintAlina und ihr Bruder Timor helfen ihrer kleinen Schwester Lyulya beim Anziehen.Lyulya singt ihren Geschwistern ein Schlaflied

Lyulya ist immer noch sehr anfällig: Wenn Timor einen Schnupfen vom Kindergarten nach Hause bringt, steckt sie sich sofort an - und bei ihr wird es dann immer gleich kritisch, weil sie dann Schwierigkeiten hat, zu atmen. Die Ärzte meinen, dass sie Asthma entwickelt hat.

Aber auch wenn die Kinder unter den Folgen des Feuers leiden, sind die Geschwister doch wieder glücklich vereint. Die 14-jährige große Schwester Alina drückt das so aus: "Ich habe Lyulya schrecklich vermisst und bin so froh, dass wir alle wieder zusammen sind. Am schönsten ist es, wenn wir die Kleine ins Bett bringen. Sie ist es dann, die uns ein Schlaflied singt, bevor sie friedlich einschlummert."

* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert

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