
Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit erfahren im SOS-Kinderdorf Puschkin - Foto: W.Kehl
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74 Mädchen und Jungen leben hier in zwölf Familienhäusern. Die Kinder sind von Zuhause weggejagt worden - oder sie sind davongelaufen, weil sie die Misshandlungen, die Lieblosigkeit und die Schläge nicht mehr ausgehalten haben. Manche haben überhaupt keine Eltern mehr. Und manche haben als Straßenkinder gelebt, sich durch kleine Jobs oder Betteln Geld zum Überleben verschafft und in Kellern oder Dachböden alter Mietskasernen Unterschlupf gesucht.
Wie viele Straßenkinder es in St. Petersburg gibt, weiß niemand so genau. Schätzungen sprechen von bis zu 30.000 jungen Menschen. Bis weit in die 90er Jahre hinein haben die Behörden Straßenkinder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen - das Problem wurde verdrängt. Inzwischen bemühen sich Sozialbehörden und Miliz, einen Überblick zu bekommen und Straßenkinder wieder zu ihren Familien zurück- oder in städtischen Heimen unterzubringen. Aber es gibt zu wenig Personal, zu wenig Geld, zu wenig Plätze und oft genug zu viel Bürokratie.

"Hallo! Hier bin ich zu Hause!"
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Neuanfang im SOS-Kinderdorf
Seit drei Jahren gibt es das SOS-Kinderdorf Puschkin. Hier leben die bereits erwähnten sechs Kinder und ihre SOS-Kinderdorf-Mutter Lena zusammen in einem der zwölf freundlichen Backsteinhäuser im SOS-Kinderdorf. Alle sechs haben ihre Geschichte: Nadja, Milena und Denis sind leibliche Geschwister. Ihr Vater ist gestorben, ihre Mutter hat sich nicht mehr um sie gekümmert. Auch Saschas Eltern haben ihren Sohn vernachlässigt. Er hat oft die Schule geschwänzt. Die beiden Kleinen, Serjoscha und Nastja sind beide fünf Jahre alt. Man hat sie mehr oder weniger auf der Straße gefunden. Alle Kinder kamen in eines der staatlichen russischen Waisenhäuser, deren bedenkliche Zustände hinlänglich bekannt sind. Dann bekam ihr junges Leben die entscheidende Wende: Die sechs Kinder wurden im SOS-Kinderdorf Puschkin aufgenommen.
Alle mussten sich erst einmal zusammenraufen: "Es ist ganz schön anstrengend, SOS-Kinderdorf-Mutter zu sein," sagt Lena. "Am Anfang haben wir oft gestritten, und es war gar nicht so leicht zu akzeptieren, dass alle hier die gleichen Rechte haben," sagt der zwölf Jahre alte Sascha. Die Kleinen sagten am Anfang überhaupt nichts. Serjoscha war so schweigsam, dass die Ärzte gar glaubten, er sei stumm. Inzwischen sind alle Sieben zusammengewachsen und eine ganz normale Familie. "Trotz Familienstress überwiegen die schönen Momente. Vor allem abends, wenn die Kinder zum Kuscheln kommen oder ihre Sorgen erzählen, ist aller Stress vergessen," sagt Lena. "Die Anderen sind jetzt wie richtige Geschwister für mich und wir verstehen uns prima," sagt Sascha. Und Serjoscha, der vermeintlich Stumme, plappert holperig aber munter drauf los.

SOS-Kinderdorf-Mutter zu sein ist nicht immer leicht.
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Erfolgserlebnisse im Alltag
Langsam fassen die Kinder im SOS-Kinderdorf Fuß und schöpfen neues Selbstvertrauen. Dazu brauchen die Kinder die Liebe, für die es keinen Ersatz gibt. Dabei helfen aber auch Kindergarten und Schulen außerhalb des Kinderdorfes, wo die Kinder neue Freunde finden und zu sich nach Hause einladen. Dabei helfen die vielen Freizeitangebote im Kinderdorf wie Juris Werkstatt-Stunde, wo die Kinder Holzspielsachen bauen. Psychologin Alexandra macht mit den Kindern Handarbeitskurse, Daniel bringt den Kindern den Umgang mit dem Computer bei. "Liebe Mama," beginnt der kleine Dima einen Brief an seine Mutter auf dem Computer. Voller Elan hackt er seine ersten Sätze in die Tastatur. Er freut sich darauf, nachher seiner SOS-Mutter zeigen zu können, was er heute wieder geschafft hat.
Alle helfen zusammen, wenn es darum geht, die geschundenen Kinderseelen zu heilen und den Kindern ihre Würde zurückzugeben. Sascha sagt über seine SOS-Kinderdorf-Familie: "Ich weiß, dass ich hier ein Zuhause habe und dass ich mich auf meine Mama und meine Geschwister verlassen kann. Ein tolles Gefühl! " Es gibt noch viele Kinder in St. Petersburg, die auf dieses Gefühl warten müssen.