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SOS-Kinderdörfer Wo wir helfen SOS-Geschichten

Ausgesetzt an der Endstation, aufgeblüht im SOS-Kinderdorf 

Glücklich im SOS-Kinderdorf - Fotos: Patrick WittmannEin abgemagertes, ärmlich gekleidetes Kind steht weinend an einer Bushaltestelle und ruft nach seiner Mama. Passanten werden auf die Kleine aufmerksam. Wie sie heißt? Esther!* Wo sie wohnt? Das Mädchen weiß die Adresse nicht. Schließlich bringt sie jemand zu einer Polizeistation: Esther wird ihre Mutter nie wieder sehen – sie wurde von ihr ausgesetzt. Ein vierjähriges Kind, allein in Nigerias brodelnder Megastadt Lagos.
Bis zu 18 Millionen Menschen leben in Lagos, wie viele genau, weiß keiner, die Einwohnerzahl wächst und wächst. Viele Nigerianer ziehen vom Land in die Metropole, um dort ihr Glück zu suchen. In Lagos gibt es Jobs, aber auch große Armut, Gewalt und Kriminalität. Viele Eltern in den Elendsvierteln können nicht für ihre Kinder sorgen.

Esther ist eines von derzeit 102 Jungen und Mädchen, die im SOS-Kinderdorf in Isolo/Lagos ein neues Zuhause gefunden haben - es sind Kinder, die wie Esther ausgesetzt wurden, deren Eltern an Krankheiten wie Aids starben oder deren Väter und Mütter bei blutigen Unruhen ums Leben kamen.
Ein nigerianisches SOS-Kind Im SOS-Kinderdorf in Lagos haben 102 Jungen und Mädchen ein Zuhause gefunden.Ein nigerianisches SOS-Kind Im SOS-Kinderdorf in Lagos haben 102 Jungen und Mädchen ein Zuhause gefunden.Was, wenn keiner der Passanten Mitleid mit Esther bekommen und das schutzlose Mädchen zur Polizeistation gebracht hätte? Der Überlebenskampf der Straßenkinder - hungern und betteln, geprügelt und missbraucht werden - blieb Esther erspart. Sie ist heute 13 Jahre alt, vielleicht ein bisschen schüchtern, wie das für einen Teenager normal ist, aber aufgeschlossen und freundlich, ein Mädchen mit intelligenten Augen. An die Zeit bevor sie ins Kinderdorf kam, kann sie sich nur dunkel erinnern. "Meine Mutter setzte mich in den Bus", sagt sie mit leiser Stimme, während sich ihr Blick in die Ferne richtet. Mehr erzählt sie nicht.

Als sie mit vier Jahren ins Kinderdorf kam, war das traumatisierte Mädchen aggressiv, schlug nach den anderen Kindern, kapselte sich ab, wollte niemanden an sich heranlassen. "Sie wollte nicht reden", sagt sich die SOS-Sozialarbeiterin Lola Stevens, die sie seit Jahren betreut. "Und sie hat nie gelacht."
Die beiden haben sich lieb: zwei SOS-GeschwisterSOS-Geschwister in SüdafrikaEs dauerte Monate bis Esther begann, ihre SOS-Geschwister und ihre Kinderdorf-Mutter Dorcas als ihre neue Familie zu akzeptieren. Doch dann begann Esther aufzublühen.

"Ich liebe meine Mutter sehr", sagt die 13-Jährige heute. "Ich kann mit ihr über alles reden. Ich helfe ihr natürlich auch im Haushalt, zum Beispiel bei der Wäsche, ich ziehe morgens meine jüngeren Geschwister an und helfe ihnen bei den Hausaufgaben." Esther ist beliebt, sie spielt gerne Basketball und ist eine der besten Sprinterinnen in der Schulmannschaft. Sie besucht eine weiterführende Schule und hat gute Noten. Ihr Traumberuf: "Ich würde gerne Architektin werden. Ich möchte Häuser bauen, für meine Familie und für alle meine Freunde, damit sie ein schönes Zuhause haben." Außerdem will sie eigene Kinder haben: "Ich werde immer für sie da sein. Und wenn sie traurig sind, werde ich alles tun, um sie wieder glücklich zu machen", sagt sie und lächelt.
 
Im SOS-Kinderdorf Isolo wächst Esther, die christlich getauft ist, zusammen mit muslimischen Kindern auf - religiöse Gegensätze, wie sie in Nigeria in der Vergangenheit immer wieder aufloderten, spielen dort keine Rolle. Ob sie an Gott glaubt? Die Frage erstaunt Esther, so selbstverständlich scheint ihr die Antwort. "Ja!", sagt sie dann mit fester Stimme. "Wenn Du gut zu jemandem anderes bist, dann wird auch Dir geholfen." Leise fügt sie hinzu: "Ich dachte schon, ich müsste mein ganzes Leben in der Polizeistation bleiben." 
 
*Name von der Redaktion geändert

 

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