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SOS-Kinderdörfer Wo wir helfen SOS-Geschichten

Balkan-Blues 

Spielplatz im SOS-Kinderdorf Ladimirevci. Foto: Katerina IlievskaSpielplatz im SOS-Kinderdorf Ladimirevci. Foto: Katerina Ilievska Acht Uhr morgens im SOS-Kinderdorf Ladimirevci, in Kroatien. Es ist Sonntag, nur wenige Menschen sind zu sehen. Ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, und ein Bub von ungefähr 13 oder 14 Jahren schlendern über den Spielplatz. Das kleine Mädchen deutet aufgeregt auf das Klettergerüst: Da will sie hinauf. Der Bub hebt sie hoch, sie steht in der Mitte der Leiter, und unterstützt von dem Bub erklimmt sie die letzten Sprossen. Der Bub springt geschickt hinauf, und dann sitzen sich beide gegenüber. Ein vergnügtes Grinsen auf beiden Gesichtern, und schwupp - "gimme five" - klatschen sie ihre Hände ineinander. Dann will das Mädchen wieder absteigen, und vorsichtig gehalten von dem Bub landet sie wieder auf dem Boden.

Kinder kümmern sich rührend

SOS-Geschwister spielen Huckpack. Foto: Katerina IlievskaSOS-Geschwister spielen Huckpack. Foto: Katerina IlievskaVermutlich eine alltägliche Szene in einem SOS-Kinderdorf, und doch so berührend. Mir fällt eine SOS-Kinderdorf-Mutter aus dem SOS-Kinderdorf Sarajevo ein. Sie hat erzählt, wir ihr großer Bub aufgeblüht ist, als ein nur wenige Monate altes Mädchen in die SOS-Kinderdorf-Familie kam. Von Anfang an habe er sich rührend um sie gekümmert, sich verantwortlich gefühlt - und wurde dafür im Gegenzug geliebt und gebraucht. Eine wichtige Erfahrung, und eine heilsame für einen Jugendlichen, der in seiner eigenen Familie keinen Halt erlebt hat.

Lesen in den Gesichtern der Mütter

Seit mehr als einer Woche bin ich unterwegs in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Ich begleite meine Kollegin Katerina, die regelmäßig solche Einrichtungsbesuche macht und auf der Jagd nach Material für die SOS-Kinderdorf-Website ist. Für sie eine vertraut Welt, während ich versuche, zu verstehen, mir Namen zu merken, mir ein Bild zu machen. Ich bin auf Katerinas Übersetzung angewiesen, aber manchmal scheint es mir gar nicht so schlecht, Zeit zu haben, auf die kleinen Gesten und "Nebensächlichkeiten" achten zu können. Zum Beispiel wenn eine Kinderdorf-Mutter über "ihre" Kinder spricht und in ihrem Gesicht der Stolz sich spiegelt - alle SOS-Kinderdorf-Mütter wollen ihre Kinder von der besten Seite präsentieren, und erst später, in einem Gespräch mit Katerina, erfahre ich, mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen.

Auch Schwierigkeiten gehören zum Kinderdorf-Alltag

Der stille Bub etwa, der mir aufgefallen ist, weil er so ein besonders hübsches Kind ist, spricht auch nicht, wenn kein Besuch da ist. Es ist schwer für die SOS-Kinderdorf-Mutter, an ihn heranzukommen. Oder das lebhafte Mädchen, das oft mit Medikamenten ruhig gestellt werden muss, weil sie sonst all die Reize, die sie umgeben, nicht verarbeiten kann, und in aggressives Verhalten sich selbst und anderen gegenüber verfällt. Auch das ist Kinderdorf-Alltag, aber darüber sprechen die SOS-Kinderdorf-Mütter nicht gerne.

Regeln für das Zusammenleben

Jugendliche in der SOS-JugendeinrichtungIn der SOS-Jugeneinrichtung SarajevoEs ist ein Wechselbad von schönen und traurigen Erfahrungen. Ein Highlight erlebe ich in Sarajevo. Wir sind zu Besuch in einer Jugendeinrichtung, gemeinsam mit ein paar Jugendlichen, die noch im SOS-Kinderdorf leben, aber in den nächsten Monaten in eine Jugendeinrichtung übersiedeln werden. Sie werden gerade auf den Wechsel vorbereitet, und dazu gehört auch, dass die bereits in den Jugendeinrichtungen lebenden jungen Leute erzählen, wie es dort so läuft. Slavenka , mittlerweile schon um die 20, hat die Aufgabe übernommen, die geltenden Regeln im Zusammenleben zu präsentieren. Sie ist ein bisschen aufgeregt, das kann ich erkennen. Dann spricht sie lange, die Atmosphäre ist gespannt, fast atemlos. Auch Katerina ist wie gebannt.

Jugendliche brauchen besondere Unterstützung

Als Slavenka fertig ist, bitte ich Katerina um eine Übersetzung. Sie reagiert nicht gleich - erst später verstehe ich, dass ein dicker Kloß im Hals sie am Sprechen hindert. Schließlich erzählt sie mir die ganze Geschichte: Slavenka kam ins SOS-Kinderdorf als sie sieben Jahre alt war. Sie war ein ruhiges, angepasstes Mädchen, eine ausgezeichnete Schülerin, der Stolz ihrer SOS-Kinderdorf-Mutter. Und dann, mit 16, kam die große Krise. Slavenka verweigerte alles, ging nicht mehr zur Schule, war aggressiv, unzugänglich, und die Betreuer machten sich ernsthafte Sorgen, dass sie suizidgefährdet war. Man versuchte ihr mit Verständnis zu begegnen und sie zu unterstützen, wo immer es möglich war. Nach etwa zwei Jahren stabilisierte sich Slavenka wieder. Sie holte die Schule nach, heute studiert sie. Und über all das sprach Slavenka auch, als sie über das Leben in der Jugendeinrichtung erzählte.

Vorbilder gibt es genug

Kinder im SOS-Kinderdorf Kraljevo. Foto: Karin DemuthKinder im SOS-Kinderdorf Kraljevo. Foto: Karin DemuthNicht immer geht es so gut aus. Wir hören auch von dem Burschen, der zum wiederholten Male eine Lehrstelle abgebrochen hat. Das Trauma des Krieges, meint der Sozialarbeiter, hat ihn so sehr geprägt, dass ein selbstverantwortliches, geregeltes Leben ihn einfach überfordert. Das ist nicht nur schlimm für den Betroffenen, sondern auch ein großer Nachteil für all jene Jugendlichen, die sich um eine Lehrstelle bemühen und nun erst wieder das Misstrauen überwinden müssen, das sich bei jenen aufgebaut haben, die schlechte Erfahrungen mit einem "Kinderdörfler" gemacht haben. Zum Glück gibt es auch Gegenbeispiele: Amir etwa ist heute Geschäftsführer eines großen Supermarktes. Junge Leute wie Slavenka und Amir werden den Jüngeren als Vorbilder präsentiert: Sie haben ihre Chance genützt und gehen ihren Weg.

Die ganz Kleinen interessiert das freilich nicht: Samir und Dervo, zwei Brüder aus dem SOS-Kinderdorf Kraljevo in Serbien, wollen beide Friseur werden. Die Lieblingsbeschäftigung der beiden- 4 und 6 Jahre alt - ist es, ihre SOS-Kinderdorf-Mutter zu frisieren. Jeder ist für eine Hälfte des Kopfes zuständig, in der Mitte wird ein Scheitel gezogen - haargenau sozusagen - und dann wird eifrig gewerkelt. Zumindest so lange, bis Klein-Ivan auf den Topf muss. Oder Tatjana und Ilona sich wieder einmal in die Haar kriegen. Oder die Batterie des Spielzeugautos leer ist…Oder…
Karin Demuth

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