Drei Minuten - Teil 2

SPIEGEL-Preisträger berichten über das Medizinische SOS-Zentrum Nairobi

Das Medizinische SOS-Zentrum Nairobi
Das Medizinische SOS-Zentrum in Nairobi bietet von HIV/Aids betroffene Familien lebenswichtige Hilfe - Foto: Mokosch/Steppat
"Jeder hier kennt jemanden, der Aids hat", sagt Leah. Hier, das ist BuruBuru, ein Stadtteil, gelegen zwischen drei Slums. Die Krankheit gehört zum Alltag in der Millionenstadt. Trotzdem halten viele Betroffene ihre Infektion geheim. Zeigen keinem, welche Medikamente sie schlucken, und sind bemüht, die Nebenwirkungen zu verbergen. Vielleicht genügt ein zu fester Händedruck und man hat die Krankheit auch - es ist die Angst vor dem Unbekannten, die oft zur Ausgrenzung von HIV-Positiven führt.

Leah geht schnell und zielstrebig durch das Hauptgebäude. Sie kennt die Leute. Ein kurzer Plausch mit den Frauen in der Teeküche, ein "Wie geht’s?" zum Wachmann am Eingang. Sie schaut in den Aufenthaltsraum im Erdgeschoss. Einige Kinder spielen mit Bällen. Manche grüßt sie mit Namen. Ein kleines Mädchen läuft mit offenen Armen auf sie zu. "Hey, was spielt ihr? Geht es dir gut?" Später wird Leah erzählen, dass ihr Umgang mit den Aidskranken nicht immer so offen war und dass sie am Anfang, als sie neu war im Medical Center, ein bisschen Angst hatte.  Natürlich wusste sie, wie eine Aids-Infektion stattfindet. Trotzdem hatte sie Angst. Trotzdem wusste sie nicht genau, wie sie sich verhalten sollte, wenn man sie umarmen wollte oder zum Essen einlud. Eine ältere Sozialarbeiterin wurde ihr zum Vorbild: "Sie hat mir einfach gezeigt, wie man es macht. Wie ich mich nicht gefährde und trotzdem nah genug dran bin."

Dr. Taitumu, medizinischer Leiter
"Es gibt so viele Menschen, die ahnen, dass sie was haben, sich aber einfach nicht testen lassen", beklagt der medizinische Leiter, Dr. Taitumu - Foto: Mokosch/Steppat
Rund 100.000 Kinder in Kenia haben Aids. Sie kommen auf die Welt und tragen den Virus in sich. Die Mütter machen im Medical Center den Schnelltest; sind sie positiv, wird auch der Rest der Familie getestet. "Es ist sehr schwierig, einem Kind zu erklären, dass es Aids hat", sagt Leah. Am Anfang merkt es noch nichts. Es müsse aber lernen, mit der Krankheit umzugehen, müsse die Tabletten schlucken und Rücksicht auf andere nehmen. "Man kann nicht sagen: Alle Kinder sollen es erfahren, wenn sie zehn Jahre alt werden. Es hängt davon ab, wie erwachsen sie sind", erklärt Leah. Und die Sozialarbeiter müssen abschätzen, wie das Kind wohl reagieren wird. Oft ahnen die Kinder etwas oder erfahren es von Nachbarn, die die Tabletten sehen und auf die Krankheit schließen. "Das ist nicht gut. Sie sollten es von den Eltern oder von uns hören", betont die Sozialarbeiterin. Manche der Kinder sind wütend - auf ihre Eltern, auf ihr Umfeld und die Krankheit. Sie laufen weg. Andere haben einfach Angst. Was wird aus mir? Wie lange kann man mit Aids leben? In Gesprächen mit den Sozialarbeitern werden diese Fragen geklärt. Man dürfe keinen mit der Diagnose allein lassen, heißt es. Später nehmen die Infizierten an Gruppensitzungen teil. Man spricht über die Krankheit, wie es einem geht, wie das Umfeld reagiert und unternimmt gemeinsam etwas.

Lucy war zur Sprecherin ihrer Gruppe gewählt worden. Sie wollte die Treffen mitorganisieren. Nachmittags ging es der 13-Jährigen nicht so gut, sie sollte ins Krankhaus kommen - eher zur Sicherheit. "Morgens geht Annet ans Telefon, schweigt und sagt: Wir haben sie in der Nacht verloren", erinnert sich Leah. An dem Tag konnten sie nicht mehr arbeiten. Sie konnten nicht einfach weitermachen. Es klingt wie ein Schuldeingeständnis, wenn Leah sagt, die professionelle Distanz gehe manchmal verloren. Es ging Lucy doch so gut. Sie hatte ihre Krankheit akzeptiert und gelernt, mit ihr umzugehen. "Ja", sagt die Sozialarbeiterin, "es gibt diese Momente, in denen man sich nicht sicher ist, ob man das Richtige tut." Es vergehen einige Sekunden. Es ist still. Auf dem Nachbargrundstück lärmt ein Generator. Dann sagt sie: "Sicherlich, wir können niemanden von der Krankheit heilen. Die meisten kommen aber hier rein und denken, sie würden morgen sterben. Wir zeigen ihnen, dass sie auch mit der Krankheit leben können." Immer wieder sagen sie das im Medical Center: Die Aids-Diagnose bedeutet nicht automatisch ein Todesurteil. Man kann mit der Krankheit viele Jahre weiterleben. Sie wissen aber auch: Es ist ein Kampf, den sie nicht gewinnen werden. Sie werden nie sagen können: Wir entlassen einen Gesunden. Die Schicksale, die hier ihren Lauf nehmen, enden immer gleich.