Drei Minuten - Teil 3

SPIEGEL-Preisträger berichten über das Medizinische SOS-Zentrum Nairobi

Slum in Nairobi
Ein Slum in der Nähe des Medizinischen SOS-Zentrums in Nairobi - Foto: Patrick Wittmann
Trockene, sandige Böden umringt von halbbefestigten Lehmhäusern, Lärm dröhnt von einer Hauptstraße her. Autos hupen und Musik schallt aus weit entfernten Lautsprechern, dazwischen tönt ab und zu der Laut einer Kuh, vielleicht auch der Ruf eines Hahns. Hier steht eine Frau, Mitte 20, vor einem kalten, grauen Stahltor. Kaum zwei Meter ist es hoch und doch wirkt es auf sie gewaltig. Ihr Gesicht ist abgemagert, die dunklen Augen müde. Blutige Wunden bedecken die wenigen unbekleideten Stellen ihres Körpers, ihre Hände, ihr eingefallenes Gesicht. Neben ihr ein Kind, etwa drei Jahre alt. Auch der zerbrechlich kleine Körper, die kleinen Hände, das kleine Gesicht sind von Wunden übersät. Beide sind ordentlich gekleidet, nur die Schuhe sind staubig vom Sand der Straßen. Zögerlich bewegt sich die Mutter auf das Tor zu, die blutige Hand des Kindes hält sie fest in ihrer eigenen. Ein Wachmann erscheint hinter den harten Eisenstäben. Das hellblaue Uniformhemd steckt säuberlich in der dunkelblauen Uniformhose, die Schirmmütze sitzt gerade auf seinem Kopf. Er öffnet das Tor und gibt den Weg frei. "Jambo!", grüßt er freundlich die Frau mit ihrem Kind auf Swahili. Die junge Mutter versucht zu lächeln, sie verzieht dabei merkwürdig das Gesicht. So schnell wie möglich versucht sie durch das kalte Tor, vorbei am freundlichen Wachtmeister, zu gelangen. Ein quietschendes Geräusch sagt ihr, dass das schwere Tor hinter ihr wieder geschlossen ist. Das Kind hat sie noch immer fest an der Hand, die Schritte fallen ihr schwer. Steif schleift ihr linkes Bein am Boden hinter dem mageren Körper her. Sie ist halbseitig gelähmt.

So betrat Joyce vor sechs Jahren das SOS-Medical Center in Nairobi. Lange vorher hatte sie ihre eigenen Wunden und die ihrer Tochter versteckt. Vor ihrer Familie, ihren Freunden und Bekannten in Citicatu, ihrem Slum. Ihr Ehemann und Vater der Dreijährigen hatte sie verlassen, als sie anfing sich regelmäßig zu übergeben und beinahe jeden Tag neue Wunden an ihrem Körper entdeckte, die nur langsam oder gar nicht heilten. In ihrer Ratlosigkeit wandte sie sich an Frauen im Slum. Freundinnen zeigte sie ihre Krankheit, suchte Hilfe und stieß auf Ablehnung. Verzweifelt und beschämt wollte sie sich zurückziehen, als ihr eine Bekannte zu Hilfe kam. "Sie hat mir gesagt, ich sollte meine Wunden bedecken, aufhören mit anderen über meine Krankheit zu sprechen und hierherkommen", erzählt die heute 32-Jährige. Sie folgte dem Rat und ging durch das Stahltor. Dieser Schritt, das weiß sie jetzt, rettete ihr Leben und das Leben ihrer Tochter.

Saubere Steinfließen umranden die kleinen Grünflächen. Rosenbüsche wachsen an den Wänden der stattlichen, einladenden Häuser empor. Auch hier tönt Musik, leiser als draußen und vermengt mit Stimmen, manchmal ein Lachen. Joyce stand, die kleine Tochter an der Hand, inmitten dieser Idylle und hatte Angst. "Du musst dich testen lassen", hatte ihre Bekannte gesagt. Ein HIV-Test. "Wenn er positiv ist, laufe ich davon. Ich lasse die Kleine hier und bringe mich um", plante Joyce in Gedanken. Auf den steinernen Fließen schleifte ihr linker Fuß, neben ihr hörte sie die zarten Schritte ihrer dreijährigen Tochter. Still und geduldig folgte das kranke Kind seiner Mutter. "Wenn er positiv ausfällt, laufe ich davon", wiederholte die junge Frau ihren Vorsatz immer wieder in Gedanken. Sicher war sie nicht, dennoch erwartete sie, dass der Test positiv ausfällt. Sie würde darauf gefasst sein, glaubte sie.