Bosnien 20 Jahre nach dem Krieg

Interview zum Jahrestag des Friedensvertrags

20.11.2015 - Am 21. November 1995 wurde der Bosnienkrieg mit der Annahme des Vertrages von Dayton beendet. Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit, hat das Land kürzlich besucht. Er berichtet von der Atmosphäre im Land und von der Friedensarbeit der SOS-Kinderdörfer, die seit Jahrzehnten in Bosnien mit ihren Einrichtungen vertreten sind.

Interview anhören:

Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit, im Radio-Interview.

 


Fast 50 Prozent der Familien in Srebrenica leben unterhalb oder nur knapp über der staatlich festgelegten Armutsgrenze. Foto: Katerina Ilievska

Wie leben die Menschen in Bosnien heute zusammen? Ist von den früheren Auseinandersetzungen noch etwas spürbar?

Im Bosnienkrieg starben ja rund 100.000 Menschen, teils bei grauenhaften Massakern wie in Srebrenica. Im Moment klappt es – zumindest was die Hauptstadt Sarajevo anbelangt – einigermaßen gut. Das war aber schon immer so, weil Sarajevo seit jeher eine bunte durchmischte Stadt ist. Aber auf dem Land leben die Menschen oftmals eher nebeneinander her, als miteinander. Das ist nicht selten die Schuld von der Politik, die immer noch Gräben aufwirft zwischen den Ethnien – vor allem natürlich vor Wahlen.

 

Wie sehen diese Gräben aus?

In den Schulen zum Beispiel wird je nach Volksgruppe unterschiedliche Geschichtsschreibung gelehrt. Die Ethnien driften dadurch vollkommen auseinander. Es gibt sogar zunehmend Schulhäuser, da werden morgens die serbischen Kinder von serbischen Lehrern gelehrt, und nachmittags muslimische Kinder von muslimischen Lehrern. Oder kroatische Kinder von kroatischen Lehrern. Das ist natürlich ein vollkommener Wahnsinn!

 

Wie kann man dem entgegenwirken?

Die SOS-Kinderdörfer versuchen dort, die Kinder wieder zusammen zu bringen, indem ein SOS-Spielbus von Schule zu Schule oder von Spielplatz zu Spielplatz fährt und Kinder aller Ethnien zum gemeinsamen Spielen animiert. Das klappt sehr gut – Kinder sind ja in der Regel vorurteilsfrei und unvoreingenommen. Uns geht es hier letztlich um Friedensarbeit.

 

In anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens gingen die Kriege noch viele Jahre lang weiter. Wie ist denn die Situation dort?

Im Gegensatz zu Bosnien, das sehr arm ist, wo die Wirtschaft aber immerhin auf niedrigem Niveau existiert, herrscht in Albanien oder Kosovo landstrichweise bitterste Armut. Dort haben die Menschen nichts. Also machen sie sich auf in andere Länder, um eine Perspektive für ihr Leben und für ihre Kinder zu bekommen.

 

Wie kann man diesen Menschen eine bessere Perspektive geben?

Es muss darum gehen, diesen Menschen in ihrem Heimatland eine Perspektive zu geben. Die SOS-Kinderdörfer ermöglichen Kindern in Bosnien Bildung und Ausbildung. Und Eltern verschaffen wir eine Perspektive durch einkommensschaffende Maßnahmen, wie Ausbildung oder Fortbildung. Wer im eigenen Land Auskommen für sich und seine Kinder hat, verlässt es nicht.