Ebola: Haben Sie keine Angst, Mr. Woode?

Interview mit dem Leiter der SOS-Kinderdörfer in Sierra Leone

06.11.2014 - In Sierra Leone, Liberia und Guinea steigen die Infektionsraten weiter an. Jede Berührung kann tödlich enden. Aktuell sterben allein in Sierra Leone rund 25 Menschen am Tag. Tendenz stark steigend. "Don’t touch! – Nicht anfassen!" ist derzeit das höchste Gebot für alle Menschen im Ebola-Gebiet. Im Interview erzählt SOS-Kinderdorf-Leiter Emmanuel Woode aus Sierra Leone, wie er, seine Familie, seine Mitarbeiter und die SOS-Kinder mit dieser Extrem-Situation umgehen.

In einem Übergangsheim: SOS-Leiter Emmanuel Woode mit einem Waisenkind.

Haben Sie keine Angst, sich bei Ihren Besuchen in den Quarantänegebieten anzustecken?

Ich habe eine Menge Ängste! Aber nur das Überleben ist jetzt wichtig. Auch im Bürgerkrieg hatte ich Angst. Als die Rebellen Freetown einnahmen, zitterte ich wie Espenlaub. Dann sagte ich mir: Du hast Kinder zu schützen und stellte mich der Realität. Da verschwand die Angst und ich begann zu tun, was nötig war. Neulich, nach einem Besuch in einem Waisenhaus in einem der stark betroffenen Gebiete (Makeni), dachte ich, der Virus hätte mich erwischt. Aber ich hatte Glück. Und ich erlaube mir keine Ängste!

Wie gehen Sie mit dem tödlichen Risiko um, dem Sie sich täglich aussetzen müssen?

Es gibt ein paar gute Freunde, denen vertraue ich meine Sorgen an. Meine Mitarbeiter und meine Familie könnten damit nicht umgehen. Aber am meisten Stärke geben mir die Kinder. Wenn ich ihr Lachen sehe und sehe, dass sie gesund sind, weiß ich wofür ich das alles auf mich nehme. Das lässt mich weitermachen trotz dieses ganzen Desasters! Natürlich gilt auch für mich unsere oberste Regel: Don‘t touch!

Wie reagiert Ihre Familie auf die Epidemie?

Meine Familie lebt in ständiger Angst. Jeden Morgen um 3 Uhr früh weckt mich meine Frau, um mich zu fragen, ob es noch einen Flug raus aus dem Land gibt. Mein Sohn bittet mich bei jedem Besuch der Waisenhäuser niemanden anzufassen. Ich weiß, dass ich für sie stark sein und Optimismus ausstrahlen muss, aber auch ich bin nur ein Mensch. Meine Familie verliert langsam die Geduld mit mir. Weil ich ihnen nicht zuhöre, sie oft ignoriere. In den seltenen Momenten, in denen ich Zeit habe, entschuldige ich mich bei ihnen und versuche es zu erklären. Es ist schwer. Für sie, für mich, für alle!

Die Kinder gehen seit mehreren Monaten nicht mehr zur Schule und sind mehr oder minder zu Hause eingesperrt. Wie meistern sie die Situation?

Die Kinder kommen erstaunlich gut mit der Situation zurecht. Sie sehen die Nachrichten. Sehen was Ebola anrichtet, erkennen auch den Ernst der Lage. Aber es sind Kinder. Natürlich beschweren sie sich, dass sie nicht raus dürfen. Wir machen ihnen dann klar, dass es ein Notfall ist; das akzeptieren sie.

Was werden Sie tun, wenn das alles vorbei ist?

Ich suche mir irgendeinen ruhigen Ort weit weg. Dann werde ich Gott danken, dass er mir die Stärke gegeben hat durchzuhalten und dass wir überlebt haben.

Spenden Sie jetzt!

In Liberia, Sierra Leone und Guinea wütet die Ebola-Epidemie. Mit Ihrer Spende helfen Sie Waisen und Familien in den betroffenen Ländern. Vielen Dank!

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