Ein Jahr nach dem Erdbeben in Nepal

Wie kommt der Wiederaufbau voran? Interview mit Mitarbeiterin der SOS-Kinderdörfer

25.04.2016 - Es war eines der schwersten Erdbeben seit fast einem Jahrhundert, das Nepal und die Himalaya-Region am 25. April 2015 um 11:56 Uhr Ortszeit erschüttert hat. Viele, zum Teil schwere Nachbeben folgten. Fast 9.000 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, Millionen wurden obdachlos. Die SOS-Kinderdörfer in Nepal haben unmittelbar nach dem Erdbeben ein Nothilfeprogramm gestartet. SOS-Mitarbeiterin Elitsa Dincheva aus München hat die Katastrophe hautnah miterlebt, weil sie zu der Zeit auf einer privaten Treckingtour in Nepal unterwegs war. Danach war sie vor Ort als SOS-Helferin im Einsatz. Nun hat sie den Himalayastaat erneut besucht, um sich ein Bild von der aktuellen Lage zu machen. Wie sieht es heute, ein Jahr nach dem Erdbeben, in Nepal aus? Wie sind die Aufbauarbeiten vorangekommen. Und mit welchen Problemen haben Helfer vor Ort zu kämpfen? Darüber spricht Elitsa Dincheva im Interview.

Überblick: SOS-Nothilfe nach dem Erdbeben in Nepal

Anhören: Radio-Interview mit Elitsa Dincheva

 


SOS-Mitarbeiterin Elitsa Dincheva besucht eine Familie: Ein Jahr nach dem Beben liegt das Haus immer noch in Trümmern. Doch mit Unterstützung von SOS hat sich die Familie zwei Büffel anschaffen können. Der Lebensunterhalt ist damit gesichert. Fotos: Michela Morosini

Sie waren damals zum Zeitpunkt des Erdbebens im Land unterwegs – was haben Sie da erlebt?

Das ist auch ein Jahr danach, schwer in Worte zu fassen, es ist eine extreme Macht der Natur, der man völlig hilflos ausgesetzt ist. Ich dachte der ganze Berg würde sich bewegen. Doch ich hatte Glück, weil wir im Gebirge waren und nur gehört haben, wie riesige Felsen, irgendwo in der Ferne, herabstürzen. Wenig später  haben wir die ersten Dörfer erreicht, wo ich die ersten Zerstörungen sah und die Menschen völlig verzweifelt waren. Das war eine extreme Panik.

Sie sind jetzt, ein Jahr nach der Katastrophe, wieder nach Nepal gereist, um sich selbst ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Wie sieht es dort heute aus? Wie geht es den Menschen?

Was mich sehr berührt hat, war zu sehen, dass der Aufbau nicht wirklich vorangeht. Man sieht immer noch überall Blechhütten. Der Alltag ist zurückgekehrt, aber das ganze Land ist im Wartemodus: Fast niemand baut neue Häuser und die Menschen warten immer noch darauf, dass sie Hilfe von der Regierung erhalten. Auch Hilfsorganisationen werden von der Regierung behindert.

Was heißt das konkret? Warum kommt der Wiederaufbau so schleppend voran?


Wiederaufbau kommt kaum voran: Unzählige Menschen hausen weiter in Blechhütten.

Es hat ein Jahr gedauert, bis die ersten Familien eine Art Entschädigung bekommen haben, damit sie mit dem Wiederaufbau der eigenen Häuser beginnen können. Nach jüngsten Berichten hat die Regierung 700 Opfern Unterstützung gewährt, aber 300.000 Familien leben nach dem Erdbeben nach wie vor in großer Not. Doch Nichtregierungsorganisationen erhalten keine Erlaubnis, um zum Beispiel Häuser zu errichten.
Es ist grotesk, der Wiederaufbau kommt so langsam voran, obwohl es finanzielle Unterstützung aus aller Welt gab. Man hat mir erzählt, dass im Winter alte Menschen und Kinder gestorben sind, weil sie keine winterfesten Unterkünfte hatten. Das macht mich wütend.

Wie können die SOS-Kinderdörfer angesichts dieser schwierigen Situation als Hilfsorganisation arbeiten?

Wir haben sehr vielen Kindern geholfen, dass sie wieder in die Schulen gehen können; wir haben Schulen instandgesetzt; wir haben Familien geholfen, dass sie wieder ihren Lebensunterhalt eigenständig bestreiten können. Dass die Regierung so lange braucht, bis die Hilfe ankommt, heißt also nicht, dass wir, die SOS-Kinderdörfer, aufgeben würden: Wir müssen den Menschen weiter beistehen in dieser schwierigen Zeit und sie bestmöglich unterstützen - besonders die Kinder, die in so einer Situation natürlich enorm leiden.

SOS wird den Erdbebenopfern also weiter beistehen?


"Ich traf einen glücklichen Jungen voller Energie": Sujal lacht wieder. Nach dem Erdbeben vor einem Jahr war seine Zukunft ungewiss.

Viele Hilfsorganisationen haben mittlerweile ihre Aktivitäten zurückgefahren, doch die SOS-Kinderdörfer haben ihre Nothilfe verstärkt. Auch die Menschen, die wir unterstützen, leben noch in schwierigen Bedingungen, viele in Notquartieren. Aber man kann in ihren Augen Hoffnung sehen. Das ist der Unterschied zu Erdbebenopfern, die nach einem Jahr immer noch auf Hilfe warten: Sie werden immer verzweifelter.

Gibt es eine Begegnung, die sie jetzt bei ihrer Rückkehr nach Nepal besonders bewegt hat?

Das war das Wiedersehen mit Sujal. Ich hatte den Jungen vor einem Jahr, wenige Tage nach dem Erdbeben, getroffen. Sein Bein war zerschmettert worden, als sein Elternhaus einstürzte. Seine Mutter war in den Trümmern gestorben, sein Vater arbeitete in den Vereinigten Arabischen Emiraten und konnte sich nicht um ihn kümmern. Sujals Zukunft war sehr ungewiss. Ich musste an ihn denken, als ich Nepal verließ, und ging mit schwerem Herzen.
Nun besuchte ich Sujal bei seiner Tante in Jorpati, die von SOS Unterstützung erhält: finanziell und auch psychologisch. Ich traf einen glücklichen Jungen voller Energie. Er springt herum wie ein Tiger, nach seiner schweren Beinverletzung ist er völlig genesen. Dieses Mal fiel mir der Abschied von Nepal viel leichter.