Finanzkrise führt zu Spendeneinbrüchen bei den SOS-Kinderdörfern

04.12.2008 - Pressesprecherin Ingrid Famula im Interview: "Die Finanzkrise ist ein leiser Tsunami!"

Finanzkrise
Die Finanzkrise verschlimmert die Lage der Ärmsten noch weiter. Gerade die Kinder unserer Welt sind gefährdet.
Frau Famula, die Welt erlebt zurzeit die größte Finanzkrise seit 80 Jahren. Welche Auswirkungen hat das für die SOS-Kinderdörfer weltweit?

Wir haben zum Glück treue Spender, von denen uns sehr, sehr viele seit Generationen verbunden sind. Sie haben uns schon durch viele Krisen geholfen, das ist beispiellos! Dennoch machen wir uns große Sorgen: Es ist momentan sehr schwer, neue Spender zu gewinnen und auch Firmen sind zurückhaltender. So haben wir bis Anfang Dezember deutlich weniger Spenden eingenommen als zum Vergleichszeitpunkt im Vorjahr.

Was bedeutet das konkret?

Wir liegen derzeit 10 Prozent hinter dem Vorjahresergebnis zurück, das ergibt ein Minus von vier Millionen Euro. Für uns ist es eine Frage von Transparenz, nicht so zu tun, als sei alles in bester Ordnung, sondern offen und ehrlich auf diese Entwicklung hinzuweisen.

Weltweit gibt es aktuell 473 SOS-Kinderdörfer. Kann es passieren, dass Dörfer geschlossen werden müssen?

Nein! So weit sind wir noch nicht. Aber wir sparen, wo wir können: Wir überprüfen den ohnehin knapp bemessenen Etat in den Kinderdörfern noch einmal sehr sorgfältig, stellen keine neuen Mitarbeiter ein, frieren Gehälter ein.

Außerhalb der Kinderdörfer unterstützt die Organisation zurzeit 160.000 Kinder und ihre Familien mit der SOS-Familienhilfe, damit diese sich möglichst bald selbst finanzieren können. Was ist mit ihnen?

Auch diese Programme werden weiterlaufen. Der Verantwortung, die wir für die Menschen übernommen haben, müssen wir unter allen Umständen gerecht werden. Aber wir werden zunächst keine neuen Programme starten, was sehr bitter ist: Wie sagt man einer Mutter, die in Indien mit ihren vier Kindern unter einer alten Plane lebt, dass sie nun doch noch nicht die erhoffte Hilfe bekommt?

Viele Menschen in Deutschland sind selbst von der Finanzkrise gebeutelt.

Das ist uns sehr bewusst, und ich habe großes Mitgefühl mit jedem, der betroffen ist! Die Zeiten sind für viele Menschen wirklich hart. Wir haben in Deutschland wenigstens noch eine Grundabsicherung - am Allerschlimmsten trifft es diejenigen, die ohnehin schon ums Überleben kämpfen. Ein Beispiel aus Mosambik: Dort liegt das durchschnittliche Tageseinkommen bei 70 Cent. Nun kostet aber ein Liter Speiseöl 1,35 Euro, also fast doppelt so viel. Umgerechnet auf unsere Verhältnisse wären das 60 Euro - und sie haben noch kein Gemüse, keinen Reis dazu. Diese Menschen brauchen dringend Hilfe, um zu überleben!

Was wollen die SOS-Kinderdörfer unternehmen, um doch noch die benötigten Spenden zu bekommen?

Wir müssen noch vehementer auf die Not der Kinder und ihrer Familien aufmerksam machen. Häufig ist im Zusammenhang mit der weltweiten Hungerkatastrophe von einem stillen Tsunami die Rede. Es ist unsere Aufgabe, diesen Tsunami laut zu machen.

Welche Botschaft haben Sie für die Menschen in Deutschland?

Bitte unterstützen Sie uns! Es ist Weihnachtszeit, die Zeit der Liebe und des Gebens - geben Sie den Kindern in Not! Jedes Geschenk, jeder Blumenstrauß, jede Kleinigkeit, auf die Sie zugunsten der Kinder verzichten, rettet ganz konkret Leben!