"Idomeni ist eine europäische Untat"

Interview mit dem Leiter der SOS-Kinderdörfer in Griechenland

14.04.2016 - Während die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland weiter sinkt, spitzt sich die Lage in Griechenland dramatisch zu: Im nordgriechischen Grenzort Idomeni kam es erneut zu Ausschreitungen. Auch in Piräus, wo im Hafen Tausende Flüchtlinge campieren, brodelt es. Und im Camp Moria auf Lesbos protestieren Flüchtlinge hinter dem Zaun gegen ihre Internierung. George Protopapas, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Griechenland, spricht im Interview über die Flüchtlingskrise in seinem Land.

Im Hafen von Piräus: 5000 Flüchtlinge sind dort gestrandet.

In Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze sitzen  etwa 11.000 Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen fest. Wer trägt die Verantwortung dafür?

Idomeni ist eine Untat der europäischen Politik. Der Vollstrecker ist Griechenland, aber moralisch verantwortlich ist Europa als Ganzes.

Wie kam es dazu?

Die Entscheidung, die Grenzen zu schließen, hat zu gewaltigen Problemen in unserem Land geführt. Die griechische Regierung war nicht darauf vorbereitet, derart viele Menschen zu versorgen und es ist sehr schwierig, diese nun menschenwürdig unterzubringen. Zehntausende Flüchtlinge befinden sich nun in einem Land, das unter einer schweren Finanzkrise leidet. Griechenland ist zwar bereit zu helfen, aber von seinen Möglichkeiten her dazu nicht in der Lage.

Wie reagieren die Flüchtlinge?


"Europe is illegal - not the refugess": Transparent in Piräus.

Die Flüchtlinge haben viel erlitten in ihrer Heimat und während ihrer Flucht. Nun stehen sie vor Zäunen, die ihnen den Weg nach Norden versperren, wo sie sich ein besseres Leben erhofften. Sie fühlen sich gefangen und ihre Verzweiflung entlädt sich in Wut. Auch in Piräus ist die Lage äußerst angespannt: Etwa 5.000 Menschen sitzen dort im Hafen in einem Camp fest. Vor lauter Verzweiflung hat dort kürzlich sogar ein Vater aus Afghanistan damit gedroht, sein Baby ins Meer zu werfen.

Das EU-Türkei-Abkommen ist in Kraft getreten und die ersten Flüchtlinge sind aus Griechenland in die Türkei abgeschoben worden. Doch allein im Camp Moria auf Lesbos sind momentan noch rund 3.000 Menschen interniert. Wie wird das EU-Türkei-Abkommen Ihrer Meinung nach umgesetzt und was könnten die Folgen sein?

Bei der Umsetzung des EU-Türkei-Abkommens ist noch ein weiter Weg zu gehen. Die Europäer wissen nicht genau, wie sie das Abkommen umsetzen sollen, und die Türkei hat kein Interesse, Flüchtlinge wieder aufzunehmen, die sie bisher loswerden wollte. Die Leidtragenden sind die Menschen – und besonders die Kinder. Ein Bespiel: In geschlossenen Camps wie Moria auf Lesbos sind etwa 400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge interniert. Sie leben dort unter schlimmen, gefängnisähnlichen Bedingungen.

Wie geht es weiter?


George Protopapas, SOS-Leiter in Griechenland

Eines ist sicher: Bald werden mehr als 100.000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland sein. Das ist nur eine Frage von Monaten. Jetzt sind es schon an die 60.000. Es wird etwas dauern, bis die zu uns geflüchteten Menschen begreifen, dass ihr Weg in Griechenland endet. Sie müssen menschenwürdig untergebracht werden. Und wenn sie einen Asylantrag für Griechenland stellen, müssen wir für Arbeit und Bildung sorgen. Sie müssen integriert werden. Europa und Griechenland müssen zusammenarbeiten, wenn die Integration der Flüchtlinge in unserem durch die Krise schwer belasteten Land gelingen soll. Dafür setzen sich die SOS-Kinderdörfer schon seit Monaten ein. Außerdem leisten wir Nothilfe für Flüchtlingskinder und Familien und werden diese Hilfe noch weiter verstärken.