Wiederaufbau in Haiti: "Es geht nur Schritt für Schritt voran"

Interview mit Georg Willeit vom Hilfsteam der SOS-Kinderdörfer in Haiti

05.01.2011 - Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti: Der Wiederaufbau kommt nur langsam voran. Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen die Helfer? Und warum nehmen die SOS-Kinderdörfer erst jetzt den Bau einer Schule in Angriff? Dies erklärt Georg Willeit, SOS-Projektkoordinator in Haiti, im Interview.
Zum Anhören: Aktuelles Telefon-Interview mit Georg Willeit aus Haiti

 


Plackt mit an: SOS-Projektkoordinator Georg Willeit bei der Essensausgabe in einem Gemeindezentrum in Haiti - Foto: Toni Keppeler

Haiti liegt nach wie vor in Trümmern. Was hat sich im vergangenen Jahr eigentlich getan?

Die Grundversorgung der am stärksten betroffenen Menschen konnte sichergestellt werden. Die Menschen haben zu essen und sind medizinisch versorgt, Schulen haben wieder geöffnet. Außerdem wurden viele zerstörte Bauwerke abgetragen und abgerissen. Allerdings ist es völlig inakzeptabel, dass weiterhin über eine Million Menschen in Lagern und im Vertrauen auf externe Hilfe leben müssen. Die Unzufriedenheit und die Frustration der Einheimischen wachsen.

Warum kommt der Wiederaufbau - trotz der vielen Spenden - so schleppend voran?
Haiti war schon vor der Katastrophe das ärmste Land der westlichen Welt, mit schlecht bis gar nicht funktionierenden staatlichen Strukturen und immensen sozialen Problemen. Mit dem Beben ist der haitianische Staat praktisch zusammengebrochen. Alle nationalen Behörden haben ihren Sitz in Port-au-Prince und wurden weitgehend zerstört. Viele Beamte kamen ums Leben, zusammen mit Tausenden von Lehrern und medizinischem Personal. Jetzt müssen erst einheimische Fachkräfte ausgebildet werden, damit sich das Land selbst helfen kann.


Kinder in einem Zelt-Camp in Haiti: Nach wie vor leben in Haiti über eine Million Menschen in Lagern - Foto: Line Wolf Nielsen

Was tut die haitianische Regierung?
Derzeit werden viele wichtige Fragen von der Regierung nicht entschieden. Eine der grundlegenden Voraussetzungen für einen Wiederaufbau-Masterplan ist jedoch eine funktionierende Regierung, die gemeinsam mit der UN, der internationalen Gemeinschaft, den zuständigen Behörden, internationalen und lokalen Hilfsorganisationen und durch die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger von Haiti den Wiederaufbau koordinieren und vorantreiben kann.
Die Wahlen vom November 2010, deren Ergebnisse erst im Februar 2011 feststehen werden, sowie die gewaltsamen Unruhen verursachen große Unsicherheit.

Ganz konkret: Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Hilfsorganisationen beim Wiederaufbau?
Für Hilfsorganisationen ist der Bau von Gebäuden sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Das Ministerium für Infrastruktur hat den Bau von dauerhaften Gebäuden bis zur Verabschiedung von Leitlinien zum erdbebensichern Bauen untersagt. Ein weiteres Problem ist, dass es kein allgemeines Grundbuch gibt und damit die Eigentümerfrage nicht zu klären ist. Viele Hilfsorganisationen wurden auch in den letzten Wochen gezwungen, ihre Anstrengungen auf die Bekämpfung des Cholera-Ausbruchs statt auf den Wiederaufbau zu konzentrieren. Insgesamt haben alle das Ausmaß der Katastrophe und die schlechten Startbedingungen für die Hilfsmaßnahmen unterschätzt. Es geht langsam und nur Schritt für Schritt vorwärts.

Ist Korruption ein Problem?
Die SOS-Kinderdörfer sind seit 30 Jahren in Haiti aktiv. Wir haben uns stets, auch in sehr schwierigen Zeiten, kompromisslos gegenüber Bestechung und politischen Interventionsversuchen gezeigt. Wir geben keine Gelder an Dritte weiter, sondern setzen Projekte selbst um.


Arbeiter errichten auf dem SOS-Gelände in Santo Unterkünfte: Dort werden unbegleitete und elternlose Kinder wohnen, die im SOS-Kinderdorf Schutz und Betreuung finden - Foto: Christian Martinelli

Warum beginnt SOS erst jetzt mit dem Bau einer Schule?
Unsere bisherige Hilfe galt der Nothilfe: der Versorgung von zeitweise bis zu 24.000 Kindern mit Essen sowie dem Schutz und der Betreuung von unbegleiteten Kindern. Jetzt starten wir verstärkt die Phase des Wiederaufbaus. Wo wir nicht auf Regierungs- und Behördenentscheide angewiesen sind, wollen wir ab Anfang 2011 erste neue Projekte umsetzen, so wie den Bau einer Schule auf dem SOS-Gelände in Santo bei Port-au-Prince. Für den Bau der Schule wollten wir zunächst ein Abkommen mit Regierung schließen, was leider bislang nicht zu erzielen war. Wir nehmen daher das Heft jetzt selbst in die Hand.

Ist das Kinderdorf-Gelände in Santo ein guter Standort? Dort gibt es ja schon eine SOS-Schule…
Die bestehende SOS-Schule im Santo ist seit dem Beben völlig überfüllt, die Klassen mussten zum Teil auf Zelte ausweichen. Bedarf ist also mehr als genug vorhanden. Auf diesem Gelände ist auch die Eigentumsfrage unstrittig und wir können daher zügig starten. Zu Beginn des nächsten Schuljahres im Herbst soll die Schule in Betrieb gehen.


Unterricht im Zelt: Eine Klasse auf dem SOS-Gelände in Santo. Auf dem Areal werden die SOS-Kinderdörfer jetzt eine weitere Schule errichten - Foto: Sophie Preisch

Warum warten die SOS-Kinderdörfer auf ein Abkommen mit dem haitianischen Bildungsministerium?
Das Abkommen bleibt weiter ein zentrales Anliegen, denn wir wollen allein in den nächsten drei Jahren drei Schulen errichten, weitere sollen folgen. Dazu braucht es aber klare Vereinbarungen. Durch das Abkommen mit der Regierung wollen wir außerdem das öffentliche Schulsystem stärken, z.B. durch Qualitätsstandards und Lehrerausbildung.

Wie lange wird das SOS-Hilfsprogramm noch laufen?
Unser Wiederaufbauprogramm ist auf zehn Jahre angelegt. Dies scheint angesichts der herrschenden Verhältnisse und der Tatsache, dass noch kein systematischer Wiederaufbau begonnen hat, realistisch. Neben dem Bau von öffentlichen Schulen planen wir den Bau mindestens eines neuen SOS-Kinderdorfs in Haiti.

Hat es Sinn, noch für Haiti zu spenden?
Der Wiederaufbau in Haiti steht erst am Anfang. Um flexibel helfen zu können, bitten die SOS-Kinderdörfer nach wie vor um Spenden in unseren Nothilfe-Fonds, aus dem auch die Hilfsmaßnahmen in Haiti finanziert werden.