Haiti: Die meisten Helfer gehen, SOS bleibt

17.02.2012 - Über zwei Jahre sind nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangenen. Obwohl der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt, werden die meisten Hilfsorganisationen das Land 2012 wieder verlassen. Die SOS-Kinderdörfer dagegen, seit Jahrzehnten in Haiti aktiv, verstärken ihr Engagement für die Kinder in dem bitterarmen Karibikstaat. SOS-Generalsekretär Richard Pichler war erneut vor Ort. Hier berichtet er von großen Herausforderungen, aber auch von Fortschritten beim Aufbau in Haiti.

Wie sieht es in Port-au-Prince heute aus?


Aufbauhilfe für Gemeinden: Kinder aus Tellier, wo die SOS-Kinderdörfer die Schule erneuern.
Der meiste Schutt in den Straßen ist weggeräumt und viele der Häuser und zweistöckigen Gebäude wurden einigermaßen repariert. Allerdings wurden dabei Bauschutt und andere unsolide Baustoffe verwendet - das nächste Erdbeben könnte sich also ähnlich verheerend auswirken. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind etwa 800 Zeltstädte entstanden. Dort leben 500.000 Menschen. Noch erhalten sie  eine sanitäre und medizinische Grundversorgung, doch mit dem Abzug der meisten internationalen Hilfsorganisationen Ende 2012 werden die Zeltstädte wohl entweder geschlossen oder sich zu Slums entwickeln. Haiti steht in diesem Jahr vor großen Herausforderungen.

Wie viele Organisationen bleiben noch?

Viele Organisationen haben Haiti bereits verlassen, die meisten werden ihre Arbeit im Land bald beenden. Nach UN-Angaben werden etwa 20 Prozent der Organisationen in Haiti bleiben, was etwa der Präsenz vor dem Erdbeben entspricht.

Wie ist die aktuelle Stimmung der Menschen in Haiti - fühlen sie sich im Stich gelassen?

Bei meinem letzten Besuch fünf Monate nach dem Erdbeben war noch weit verbreitete Hoffnungslosigkeit zu spüren. Ich bin der Meinung, dass die Bevölkerung die aktuelle Lage verhältnismäßig gut bewältigt. Die Menschen haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.

Zwei Jahre nach der Katastrophe kommt der Wiederaufbau weiterhin nur langsam voran, Hilfsorganisationen und die haitianische Regierung stehen in der Kritik…


Baustelle in Santo: Hier bauen die SOS-Kinderdörfer eine zweite SOS-Schule.
Sicher haben Hilfsorganisationen in Haiti Fehler gemacht – wie eben auch bei anderen Katastrophen. Während meines einwöchigen Besuches in Haiti habe ich aber keine Beschwerden über fundamentale Fehler der großen internationalen Organisationen und der Vereinten Nationen gehört.
Angesichts der Kritik und der negativen Berichterstattung plädiere ich für Fairness: In Haitis Hauptstadt wurden Großteile der Infrastruktur und viele Einrichtungen der Regierung komplett zerstört - da kann man nicht erwarten, dass in diesem Land, das noch dazu als das ärmste Land Lateinamerikas gilt, nach zwei Jahren Wiederaufbauarbeit alles wieder ohne Probleme funktioniert.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der haitianische Regierung? Was tut sie konkret für die vielen Waisen?

Kinder in Les Cayes: In der Stadt wird ein neues SOS-Kinderdorf für Erdbebenwaisen entstehen.
Kinder in Les Cayes: In der Stadt wird ein neues SOS-Kinderdorf für Erdbebenwaisen entstehen.
Die Regierung ist nun seit einem halben Jahr im Amt, nachdem sich die Ernennung lange hingezogen hatte. Es ist positiv zu bewerten, dass die neuen Minister und Beamten die anstehenden Aufgaben richtig priorisieren und auch rasch zu Ende führen wollen.
Unsere unmittelbaren Partner auf Regierungsseite sind das Ministerium für Soziales und die Abteilung für Kinderschutz. In Zusammenarbeit mit Unicef hat das Ministerium jetzt rund 350 Waisenhäuser überprüft. In zahlreichen Fällen stellte man fest, dass die Kinder aus diesen Einrichtungen vernachlässigt und unterernährt waren.

Was hat dies für Konsequenzen?

Nach dem haitianischen Gesetz müssen die betroffenen Waisenhäuser nun so schnell wie möglich geschlossen werden. Das Ministerium und Unicef bitten deshalb die SOS-Kinderdörfer, 400 Kinder aus diesen Einrichtungen vorübergehend aufzunehmen und diese, wenn möglich, mit ihren Familien zu vereinen. Wir haben zugesagt, 200 Kinder aufzunehmen, und werden die dafür erforderlichen Kapazitäten schaffen.

Nach dem Beben haben im SOS-Kinderdorf Santo bereits hunderte Kinder Schutz und Betreuung gefunden…


Besuch im haitianischen SOS-Kinderdorf Santo: SOS-Generalsekretär Gerhard Pichler mit festlich gekleideten SOS-Kindern und Mitarbeitern im Januar 2012.
Die Aufnahme von 400 unbegleiteten Kindern in den Wochen nach dem Erdbeben war eine einzigartige und herausragende Leistung, die auch von Bevölkerung und Regierung als besonderer Beitrag wahrgenommen wurde.
Eineinhalb Jahre lebten im SOS-Kinderdorf Santo dreimal so viele Kinder wie vor der Katastrophe - in jedem Haus waren es bis zu 30 Mädchen und Jungen. Unsere SOS-Mütter und -Mitarbeiter verdienen unsere höchste Anerkennung für ihr pragmatisches und entschiedenes Handeln unter unglaublich schwierigen Bedingungen.
Inzwischen konnten 250 Kinder, die nach dem Beben in Santo Zuflucht fanden, wieder mit ihren Familien vereint werden. Die verbliebenden 150 Kinder leben weiter in temporären Unterkünften auf dem SOS-Gelände, bis wir das neue Kinderdorf in Port-au-Prince aufgebaut haben. Unsere SOS-Mütter werden ihr Bestes geben, um diesen Mädchen und Jungen ein liebevolles Zuhause zu bieten.

Wie ist die Situation in der Hermann-Gmeiner-Schule Santo in Santo?

Auch die Hermann-Gmeiner-Schule Santo ist vollständig ausgelastet, der Schulbetrieb läuft in zwei Schichten. Vor dem Erdbeben wurden 500 Kinder unterrichtet, nun sind es 1.200. Die Erfahrungen aus dem Doppelschichtsystem werden wir auf die anderen Schulen im Land anwenden. Haiti leidet unter einem extremen Mangel an Bildungseinrichtungen: Nur etwa die Hälfte der fünf Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren besucht eine Schule. Das Doppelschichtsystem soll hier in den nächsten zwei Jahren Abhilfe leisten. Die Hermann-Gmeiner-Schule Santo II*, die wir errichten, wird in der zweiten Jahreshälfte fertiggestellt. In Kooperation mit der Universität sollen an dem Standort auch Lehrer ausgebildet werden.

 

* Der Bau der Schule wird mit Geldern des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) teilfinanziert.