Haiti: "Die Menschen sterben auf der Straße"

Interview mit SOS-Direktor Celigny Darius in Haiti

15.01.2010 - Die aktuelle Lage nach dem Erdbeben in Haiti: Lesen Sie ein Interview mit Celigny Darius, Direktor der SOS-Kinderdörfer in Haiti.
Celigny Darius, Direktor der SOS Kinderdörfer in Haiti
Organisiert erste Nothilfe-Maßnahmen: Celigny Darius, Direktor der SOS Kinderdörfer in Haiti, mit einer SOS-Mitarbeiterin.
Bitte beschreiben Sie uns, wie Sie das Erdbeben erlebt haben.

Wir haben so etwas das erste Mal erlebt - es war wirklich entsetzlich. Zum Zeitpunkt des Erdbebens waren wir im nationalen SOS-Büro in Port-au-Prince, es war gegen fünf Uhr nachmittags. Ich hatte gerade noch Zeit, aus dem Gebäude zu rennen, und obwohl ich hinfiel und die letzten Meter kriechen musste, schaffte ich es nach draußen. Ich dachte, das Haus würde einstürzen - es war schrecklich. Etwa fünf Leute aus meinem Team, die sich im zweiten Stock befanden, versuchten verzweifelt, nach draußen zu gelangen. Das ganze Haus wackelte und ich dachte: "Es wird einstürzen, und alle werden sterben!" Die Qual, Menschen da oben im zweiten Stock dem Beben ausgeliefert zu sehen und Ihnen nicht helfen zu können, war fürchterlich.
Als die Erschütterungen aufhörten, waren meine Leute so geschockt, dass sie nicht wussten, wie sie aus dem Gebäude kommen sollten, und mir zuriefen, sie würden aus dem Fenster springen. Ich sagte Ihnen, das könnten sie nicht tun und sie sollten die Treppen nehmen. Ein Teil des Gebäudes war eingestürzt, aber zum Glück gab es im Nationalbüro keine Verletzten.

Junge vor Trümmern in Port-au-Prince
Verzweilfung und Elend: Ein Junge in der in  Trümmer liegenden Hauptstadt Port-au-Prince - Foto: REUTERS/Carlos Barria
Wie geht es Ihrer Familie?

Wir versuchten sofort, alle unsere Familien zu erreichen, aber die Kommunikationsnetze waren zusammengebrochen. Das war schrecklich. Wir leben in der Nähe des Büros, und meine Frau ging nicht ans Telefon. Ich war sicher, sie waren tot, denn wir leben im vierten Stock, und man sagte mir, das Gebäude sei eingestürzt. Erst nach einigen Stunden erfuhr ich, dass meine Frau und Tochter in Sicherheit waren.
Die Gebäude neben dem Büro sind zusammengefallen, und viele Kinder und Studenten sind unter dem Schutt gefangen. Die Kirche am Ende der Straße brach über der Gemeinde zusammen und begrub die Gläubigen. Versuche, die Leichen auszugraben, waren erfolglos, und der Verwesungsgestank wird inzwischen unerträglich.

Wie ist die Situation der SOS-Mitarbeiter und ihrer Angehörigen jetzt?

Die Häuser von drei oder vier unserer Mitarbeiter - ganz genau wissen wir das immer noch nicht - sind eingestürzt. Doch im Moment bleiben auch diejenigen auf der Straße, deren Häuser noch stehen, denn man weiß nicht, ob sie sicher sind oder jede Minute noch einstürzen. Soweit wir wissen, gab es in den Familien der SOS-Mitarbeiter keine Toten. Die Nacht nach dem Beben verbrachten wir alle in dem Teil des Büros, der nicht zerstört wurde. Jetzt versuche ich, alle im SOS-Kinderdorf Santo unterzubringen.

Camp für obdachlose Erdbebenopfer in Haiti
Die Überlebenden der Erdbebens auf Haiti brauchen dringend Hilfe: ein Camp für obdachlose Erdbebenopfer - Foto: REUTERS/Jorge Silva - courtesy www.alertnet.org
Was brauchen die Menschen in Haiti jetzt am nötigsten?

Am wichtigsten ist jetzt die medizinische Versorgung, insbesondere werden Schmerzmittel benötigt. Viele Menschen wurden von fallenden Trümmern schwer verletzt, und die Krankenhäuser funktionieren nicht. Die Menschen sterben auf der Straße. Die Stadt ist völlig lahmgelegt, kein Supermarkt hat offen, es fahren keine Busse und die Menschen trauen sich nicht in die Gebäude, aus Angst, sie könnten jeden Moment einstürzen. Da die Menschen auf der Straße schlafen und nur im T-Shirt auf die Straße gelaufen sind, brauchen wir auch Kleidung.

Was unternehmen Sie derzeit, um zu helfen?

Wir versorgen die Menschen mit Trinkwasser, wann immer die Leitungen funktionieren. Wir versuchen außerdem gerade, die Lage der Familien in den Nachbarschaften unserer SOS-Kinderdörfer und -Einrichtungen zu klären, die wir über unsere SOS-Programme unterstützen. Vier unserer Mitarbeiter suchen systematisch sämtliche Familien in der Umgebung auf, um zu klären, wie es ihnen geht und was in jedem Einzelfall am dringendsten benötigt wird. Bisher wissen wir von zwei Familien, dass Mitglieder bei dem Erdbeben ums Leben gekommen sind. Den SOS-Familien im Kinderdorf Santo geht es den Umständen entsprechend gut: Die Gebäude im Kinderdorf stehen alle noch. Die Kinder und Familien in der Nachbarschaft sind viel schlimmer dran.  

SOS-Nothilfe nach dem Erdbeben in Haiti

Erdbeben in Haiti: Die SOS-Kinderdörfer haben ein Nothilfe-Programm in Haiti gestartet, um Kindern und Familien beizustehen. Ein Hilfsteam und ein Transport mit ersten Hilfsgütern, der in der benachbarten Dominikanischen Republik gestartet ist, ist inzwischen im SOS-Kinderdorf Santo bei Port-au-Prince eingetroffen (zum Zeitpunkt des Interviews mit Celigny Darius war dies noch nicht der Fall). Das Dorf dient als Ausgangspunkt der SOS-Nothilfe. Mehr...