Helft den Kindern, aber in Haiti

03.02.2010 - Kommentar von Dr. Wilfried Vyslozil, Geschäftsführer der SOS-Kinderdörfer weltweit. Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Mittwoch, den 3. Februar 2010.

Dr. Wilfreid Vyslozil
Dr. Wilfried Vyslozil ist Geschäftsführer der SOS-Kinderdörfer weltweit
03.02.10 - Es bricht einem das Herz, wenn man Kinder sieht wie jene 33 Jungen und Mädchen, die am vergangenen Wochenende zu uns ins SOS-Kinderdorf Santo in Haiti gebracht wurden. Kinder, die zum Teil mit fadenscheinigen Versprechungen ihren Eltern entlockt und jedenfalls aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurden. Sie sollten in einem Strandhotel der Dominikanischen Republik adoptionswilligen Paaren angeboten werden. Man kann es auch härter sagen: Man wollte sie verkaufen. Sie kamen zu uns, hungrig und durstig und verstört. Ein achtjähriges Mädchen insistierte: „Ich bin keine Waise. Ich habe noch Eltern.“ Kinder sind bei einer Naturkatastrophe die verletzlichsten unter den Opfern. Diese 33 Kinder haben zum Trauma des Erdbebens und seiner Folgen auch noch das einer kriminellen Verschleppung zu verarbeiten.

Wir haben in unserem SOS-Kinderdorf in Santo Dutzende verstörter Kinder aufgenommen. Viele von ihnen sitzen seit Tagen ganz still in einer Ecke und wollen einfach nicht reden. Andere plappern ohne Ende, um sich von der Last des Erlebten zu befreien. Wir gehen davon aus, dass noch viel mehr kommen werden. Das unbeschädigt gebliebene Dorf wird derzeit in Windeseile als Übergangshort für bis zu 300 Mädchen und Jungen eingerichtet. Wir haben Psychologen aus unseren Dörfern in ganz Lateinamerika hingeschickt, Krankenschwerstern und Sozialarbeiter. Menschen, die Erfahrung haben mit der Betreuung kleiner Erdbebenopfer. Und wir können uns auf die Hilfe unserer Nachbarschaft und von lokalen Organisationen verlassen.

Kinder Haiti
In Sicherheit: eines von 33 verschleppten Kindern, die im SOS-Kinderdorf von SOS-Mitarbeitern betreut werden.
Wir sehen in diesen Kindern, auch wenn sie allein sind, erst einmal keine Waisen. Wir sprechen von Kindern ohne Begleitung. Wir haben die Pflicht, sie aufzunehmen, ihnen Nahrung zu geben und ein Dach über dem Kopf und sie, wenn nötig, medizinisch zu versorgen. Darauf haben wir uns eingerichtet - mit der Unterstützung lokaler Helfer und Organisationen wie dem dominikanischen Roten Kreuz und Unicef. Wir gehen davon aus, dass die meisten dieser Kinder ein paar Wochen, vielleicht ein paar Monate bei uns bleiben werden. Kaum eines aber wird bis ins Erwachsenenalter bei uns sein.

Selbst wenn Kinder mit eigenen Augen ansehen mussten, wie ihre Eltern von zusammenstürzenden Häusern erschlagen wurden, müssen sie nicht ohne familiäre Obhut bleiben. Wir wissen nicht, ob andere Mitglieder der erweiterten Familie überlebt haben. Ob es nicht einen Onkel oder eine Tante gibt oder einen engen Freund der Familie, der diese Kinder bei sich aufnehmen könnte und wollte. In einem Land wie Haiti kann es Wochen und Monate dauern, bis wir das herausgefunden haben.

Ein erster Schritt ist die Registrierung all dieser Kinder ohne Begleitung. Das tun wir, gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen und in Abstimmung mit der haitianischen Sozialfürsorge. Wenn sich das Chaos nach dem Beben langsam lichtet und man weiß, wen man suchen muss und wo man ihn suchen kann, erst dann kann der nächste Schritt folgen. Organisationen wie Save the Children haben darin lange Erfahrung und eine erstaunlich hohe Erfolgsquote. So ein Erfolg ist immer das beste für die Kinder.

Erst Ende November vergangenen Jahres haben die Vereinten Nationen eine „Richtlinie für die alternative Betreuung“ von Kindern verabschiedet, an deren Entstehen die SOS- Kinderdörfer weltweit maßgeblich beteiligt waren. Das Erdbeben in Haiti ist der erste große und dringende Fall, bei dem diese Richtlinien umgesetzt werden müssen. Sie sehen vor, dass unbegleitete und von ihren Familien getrennte Kinder zunächst registriert werden und dann übergangsweise und nur wenn nötig auch langfristig in Familien oder familienähnlichen Strukturen betreut werden und keinesfalls in großen Waisenhäusern. Außer Land gebracht werden dürfen sie nicht, auch nicht vorübergehend; es sei denn, medizinische oder ähnlich gewichtige Gründe erfordern es. Unsere Kinderdörfer in aller Welt sind der Beweis dafür, dass sich diese Richtlinien in der Praxis auch leben lassen.

Wir begrüßen es deshalb, dass die Regierung von Haiti ein Ausreiseverbot für unbegleitete Kinder verhängt und Adoptionen erschwert hat. Jede große Not weckt den Wunsch, gerade den Kleinsten und Schwächsten zu helfen und eine Adoption erscheint da als ein schneller, effektiver und sehr persönlicher Weg. Für kriminelle Kinderhändler aber heißt das: Die Nachfrage steigt und damit die Aussicht auf Gewinn. Die jetzt verhafteten US-Amerikaner sind sicher nicht die einzigen, die Kinder illegal aus Haiti bringen wollten.

Und selbst wenn Adoptionen rechtlich einwandfrei ablaufen - sie können und dürfen nie mehr als ein allerletzter Ausweg sein und niemals eine schnelle Antwort auf eine akute Not. Jedes Kind hat das Recht, in seiner eigenen Sprache aufzuwachsen, in seiner eigenen Kultur und mit seinem eigenen Glauben. Dieses Recht darf ihm nicht genommen werden. Auch nicht nach einer gigantischen Naturkatastrophe. Wir müssen den Kindern helfen. Ihnen zu allererst. Aber wir müssen ihnen in Haiti helfen.

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