Haiti: "Kinder der Katastrophe"

Interview mit dem SOS-Vorstandsvorsitzenden Helmut Kutin

30.11.2010 - Fast ein Jahr nach dem Erdbeben herrschen in Haiti Chaos und Krankheit. Besonders vom Elend betroffen sind die Kleinen. Einige finden Zuflucht in SOS-Kinderdörfern, ein Helfer berichtet. Quelle: Abendzeitung München, A. Zoch; gekürzte Fassung

Helmut Kutin in Haiti
Helmut Kutin bei seinem Besuch in Haiti im Herbst 2010
Ein Land im Elend: Rund 400000 Menschen sind in Haiti von der Cholera bedroht. Am Sonntag werden Parlament und Präsident neu gewählt. In den letzten Tagen hat es immer wieder Zusammenstöße zwischen den Anhängern der Parteien gegeben, laut den Vereinten Nationen ist es aber vergleichsweise ruhig. Als Favoritin gilt die 70-jährige Mirlande Manigat, die Frau des früheren Präsidenten Leslie Manigat. Helmut Kutin, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit, war gerade in Haiti und berichtet in der AZ von der Lage im Krisenland und den Schwierigkeiten, die seine Organisation auf dem Weg, den Kindern zu helfen, überwinden muss.

Herr Kutin, Sie sind gerade aus Haiti zurückgekommen. Wie ist die Situation im Land, fast ein Jahr nach dem schweren Erdbeben?

Helmut Kutin: Es sieht noch fast genauso aus wie kurz danach. Die Schäden sind weder beseitigt noch aufgearbeitet worden. Es ist immer noch unglaublich schwer, überhaupt durch die Stadt durchzukommen. Allein um vom Stadtzentrum von Port-au-Prince an den Stadtrand zu kommen, wo unser Kinderdorf Santo liegt, ist man gut fünf bis sechs Stunden unterwegs. Denn sämtliche Straßen sind blockiert. Entweder durch die Schäden oder durch tausende UN-Autos und Militärs. Alles dauert unglaublich lange, die Arbeit ist schwer und mühsam.

Wie geht es den Menschen?

Sie leben immer noch zu hunderttausenden in den Zeltstädten in Port-au-Prince, und sie werden dort auch erstmal nicht wegziehen. Denn dort werden sie versorgt, dort bekommen sie zu essen. Das Deprimierendste ist die Einstellung der Menschen. Es herrscht eine unglaubliche Lethargie, ein schlimmer Fatalismus. Die Menschen jammern: „Wir waren vorher arm, jetzt sind wir halt noch ärmer und jetzt haben wir auch noch die Cholera.“ Sie sind total abhängig von den Hilfsorganisationen. Aber wer wollte es ihnen verdenken? Sie werden ja von ihnen geradezu überschwemmt.

Sind es zu viele?

Auf jeden Fall. Rund 700 sind zurzeit im Land. Insbesondere aus den USA kommen viele private, religiöse Hilfsgruppen. Die kommen dann für eine Woche, wollen sich um ihre armen Brüder und Schwestern kümmern, und dann fahren sie wieder. Wir dagegen sind seit 30 Jahren in Haiti. Die Arbeit muss vor allem besser koordiniert werden.

Warum passiert das nicht?

Weil es keinen zentralen Ansprechpartner gibt. Die Regierung ist nicht existent. Niemand unterschreibt mehr etwas, niemand entscheidet etwas, denn alles wartet jetzt auf die anstehende Wahl. Die Vereinten Nationen versuchen zwar ihr bestes, sie sind auch sehr präsent. Aber die UN-Soldaten sitzen vor allem mit Maschinenpistolen auf den Autos, das ist eher ein Kriegsbild. Natürlich sollen sie jetzt vor den Wahlen auch Unruhen verhindern.

Helmut Kutin
Ein Kind, das die SOS-Schule in Santo/Haiti besucht, schenkt Helmut Kutin bei seinem Besuch im SOS-Kinderdorf eine Rose.
Wie ist die Lage in den SOS-Kinderdörfern?

Wir hatten großes Glück, dass unsere Häuser solide gebaut waren, sie sind nicht eingestürzt. Aber im Dorf am Rand von Port-au-Prince haben wir jetzt die doppelte Kinderzahl. Früher hatten wir in den 19 Familien 180 Kinder, jetzt sind es 348. Also hat jede Mutter zwischen 18 und 25 Kinder zu betreuen. Dazu kommen 80 Kinder, die wir in provisorischen Zelten aufgenommen haben. Und zusätzlich betreuen wir noch 13000 Kinder, die aber in ihren eigenen Familien leben. Ich habe meinen Mitarbeitern jetzt aber den klaren Auftrag erteilt, zum 31. Dezember die Soforthilfe allmählich zurückzufahren. Wir müssen jetzt endlich etwas für die langfristige Perspektive tun.

Wie genau?

Wir bauen mehr Sozialzentren auf, in denen die Eltern mit einbezogen werden. In denen sie von uns zwar Lebensmittel bekommen, das Essen aber selber kochen müssen. Nicht wie in den Zeltstädten in Port-au-Prince, wo sie alles fertig bekommen. Wir sagen unseren Eltern: Ja, wir helfen Euch, aber ihr müsst auch etwas tun. Und wir wollen die Menschen anleiten, ihre Nahrung selbst anzubauen, Landwirtschaft zu betreiben.

Wie schaut’s mit Schulbildung für die Kinder aus?

Seit vier Wochen wird in Port-au-Prince bereits wieder unterrichtet, insgesamt 800 Kinder. Und weitere 800 warten auf einen Schulplatz. Deshalb errichten wir gerade zusammen mit dem Bundesentwicklungshilfeministerium eine Containerschule. Wir haben zwar noch den Bau von sechs weiteren Schulen angeboten, aber hier geht nicht’s voran, weil die Regierung nichts unterschreibt. Wir bauen jetzt aber noch ein drittes Kinderdorf in Les Cayes. Wir haben uns schon mit dem Bürgermeister zusammengesetzt, das machen wir jetzt einfach, ob die Regierung zustimmt oder nicht. Schließlich gehört uns das Grundstück seit zehn Jahren. In Port-au-Prince darf man ja zurzeit leider keine festen Gebäude bauen.

Wieso das nicht?

Das ist eine Anordnung der Regierung. Man darf derzeit nur Zelte errichten, keine festen Bauwerke. Es sei denn, man kann nachweisen, dass einem das Grundstück gehört. Aber sämtliche Kataster sind vernichtet, das kann man oft gar nicht mehr nachvollziehen. Diese Anordnung ist natürlich der Wahnsinn, denn so kann sich ja nie ein normales Leben entwickeln.

Jetzt wütet auf Haiti auch noch die Cholera...

Ja, das ist ein weiteres großes Problem. Das hat für eine Riesenangst unter der Bevölkerung gesorgt. Aber so lange es nur Zeltstädte, keine festen Behausungen gibt, solange es keine Regierung gibt, die sagt, ja, Port-au-Prince wird jetzt wieder aufgebaut – so lange wird sich daran leider nichts ändern.