Haiti: Familienzusammenführung hat oberste Priorität!

Stellungnahme der SOS-Kinderdörfer zu internationalen Adoptionen nach dem Erdbeben in Haiti

27.01.2010 - Nach dem verheerenden Erbeben in Haiti kämpfen unzählige Kinder allein auf sich gestellt ums Überleben. Sie haben ihre Eltern verloren und wurden im Chaos von ihren Familien getrennt. Unmittelbar nach der Katastrophe sind bereits die ersten internationalen Adoptionen erfolgt. Die SOS-Kinderdörfer betonen, dass internationale Adoptionen nach Katastrophen keine sinnvolle Sofort- und Nothilfemaßnahme sind. Zunächst muss jede Anstrengung unternommen werden, unbegleitete Kinder mit der eigenen Familie zusammenzuführen oder im eigenen Land eine angemessene Lösung zu finden.

Junge in Haiti
Schutzlos: Unbegleitete Kinder sind besonders gefährdet. Ein Junge nach dem Erdbeben in Haiti - Foto: www.alertnet.org
Nach einer so verheerenden Katastrophe wie dem Erdbeben in Haiti zeigen die Medien oft erschreckende Bilder von verletzten und schutzlosen Kindern, die hungrig oder schwer traumatisiert sind. Diese Bilder wecken in uns den Instinkt, diesen Kindern das zu geben, was ihnen offenbar fehlt: Sicherheit, Liebe und eine fürsorgliche Familie. In solchen Notsituationen erreichen uns zahlreiche Anfragen und Angebote, diese Kinder zu adoptieren, was nur allzu verständlich ist.

Die Realität vor Ort ist aber eine andere. Es wird Wochen und Monate dauern, unbegleitete Kinder zu erfassen und mit ihren Familien zusammenzuführen. Auch die zweifelsfreie Identifizierung jener Kinder, die beide Elternteile und die erweiterte Familie verloren und die auch sonst niemanden haben, der sich um sie kümmert, wird Monate in Anspruch nehmen.

In der Zwischenzeit brauchen vom Erdbeben betroffen Kinder sofortige Betreuung, eine Unterkunft, Nahrung, Wasser, Kleidung und Stabilität. Um diesen Kindern das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit wiederzugeben, verbringen speziell ausgebildete Sozialarbeiter/innen mit Erfahrung in der Stressminimierung und im Umgang mit schwer traumatisierten Kindern viel Zeit mit ihnen.

Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen haben die SOS-Kinderdörfer ein Nothilfeprogramm für unbegleitete Kinder gestartet, welches die Versorgung der Kinder mit all diesen Dingen vorsieht.

In den kommenden Wochen und Monaten wird das SOS-Nothilfeprogramm Kindern, die von ihrer Familie getrennt wurden, temporäre Betreuung bieten. Oberste Priorität ist es, die Familien der Kinder ausfindig zu machen und die Kinder wieder in ihre Familie oder Verwandtschaft zurückzuführen oder Freunden der Familie zu übergeben, die fähig und bereit sind, die Kinder langfristig aufzunehmen. Natürlich muss die Gültigkeit der Verwandtschaft sowie die Bereitschaft des Kindes, von der jeweiligen Person betreut zu werden, für jedes einzelne Kind zweifelsfrei bestätigt werden.

Für Kinder, deren Familie nicht ausfindig gemacht werden kann oder deren Verwandtschaft aus anderen Gründen nicht in der Lage ist, sie aufzunehmen, wird versucht, die beste Lösung im Interesse jeden einzelnen Kindes zu finden. Besonders wird darauf geachtet, Geschwister zusammen zu betreuen. Als sofortige Reaktion auf eine solche Notlage sind internationale Adoptionen jedenfalls keine Lösung.

Die SOS-Kinderdörfer erkennen Adoption als angemessene Lösung in Fällen an, in denen die Eltern des Kindes nicht gefunden werden können und die erweiterte Familie nicht in der Lage ist, sich um das Kind zu kümmern. Aber auch dann ist es die Überzeugung der SOS-Kinderdörfer, dass jedes Kind im eigenen Kulturkreis, mit der eigenen Muttersprache und im eigenen Glauben aufwachsen sollte. Erst wenn sämtliche angemessenen Lösungen vor Ort ausgeschöpft, sämtliche rechtliche Vorgaben befolgt und die grundlegenden Prinzipien der internationalen Adoption, so wie sie in der Adoptionskonvention von Den Haag verankert sind, eingehalten wurden, kann internationale Adoption als Lösung in Erwägung gezogen werden.

Im speziellen Fall des Erdbebens in Haiti sollte die internationale Adoption vermieden werden, bis jede Anstrengung unternommen wurde, das Kind mit der eigenen Familie zusammenzuführen oder im eigenen Land eine angemessene Lösung zu finden, die den internationalen rechtlichen Standards, etwa den UN-Richtlinien für außerfamiliäre Betreuung von Kindern, entspricht.

SOS-Nothilfe in Haiti

Nach dem Erdbeben in Haiti leisten die SOS-Kinderdörfer Nothilfe für Kinder und Familien. So hilft SOS:
• Hilfspakete für Kinder und Familien (Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung, Material zur Errichtung von provisorischen Unterkünften etc.)
• Vorübergehende Aufnahme und Betreuung für unbegleitete Kinder in unseren zwei SOS-Kinderdörfern in Santo und Cap Haitien sowie in anderen SOS-Kinderdorf-Einrichtungen, z.B. in der SOS-Schule in Santo 
• Psychosoziale Unterstützung für traumatisierte Kinder und deren Familien 
• Familienzusammenführungsprogramme für unbegleitete Kinder
• Unterstützung für Familien beim Wiederaufbau ihrer Häuser und ihrer allgemeinen Lebenssituation durch umfassende Sozialprogramme (Beratung, Berufsausbildung, Einkommensbeschaffung, etc.)
• Hilfe für Gemeinden beim Wiederaufbau ihrer Infrastruktur z.B. Schulen

 

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