In Ukraine droht humanitäre Katastrophe

Hunderte Familien im ostukrainischen Lugangsk hungern

10.11.2015 - In der ostukrainischen Krisenregion bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an. "Manche Kinder sind so hungrig, dass sie einfach in Ohnmacht fallen", berichtet Andriy Chuprikov, Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. "In den Wintermonaten wird sich die Lage weiter verschlimmern, da viele Menschen zum Teil in unbeheizten Notunterkünften leben."

Zerstörte Häuser, Hunger - und nun naht der harte ukrainische Winter: In Lugansk leden viele Familien extreme Not. Foto: Maria Nedilko

In der Ostukraine flammen trotz des Minsker Abkommens immer wieder Kämpfe auf.  Der Konflikt hat bislang mindestens 6.800 Todesopfer gefordert, über 17.000 Menschen wurden verletzt. Auch die wirtschaftlichen Folgen sind verheerend. Schätzungen zufolge benötigen fünf Millionen dringend humanitäre Hilfe. 1,1 Millionen Menschen sind in Nachbarländer geflohen und weitere 1,5 Millionen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. Etwa jeder achte Flüchtling ist ein Kind. In der Region Kiew leben mehr als 25.000 Kinder, die ihre Heimat verlassen mussten.

Hunger und Mangelernährung

Im ostukrainischen Lugansk leben derzeit über 700 Familien, davon 1.250 Kinder, am Existenzminimum. "Die Eltern haben keine Jobs mehr, die Häuser der Familien sind zerstört oder stark beschädigt und sie haben nicht genug zu essen. Kinder bekommen wochenlang nur Mehlsuppen zu essen, schwere Mangelernährung ist die Folge. Auch das Trinkwasser ist vielerorts verschmutzt, Kinder leiden an Magen- und Darmerkrankungen", berichtet SOS-Leiter Chuprikov. "Wir stehen hier kurz vor einer humanitären Katastrophe."

Kaum medizinische Versorgung

Auch die medizinische Versorgung ist katastrophal. Viele Ärzte haben die Region verlassen. In den Krankenhäusern mangelt es an Personal und Material, wie z.B. Impfstoffen. Patienten, die einen Spezialisten benötigen, müssen ins 200 Kilometer entfernte Kharkiv fahren. Doch die Straßen dorthin sind extrem beschädigt. "Schon für gesunde Menschen ist die Fahrt auf diesen Straßen eine Strapaze, für Kranke ist sie eine unmögliche Tortur", sagt Chuprikov.

Die SOS-Kinderdörfer arbeiten im Osten des Landes sowohl in den Gebieten, die von der ukrainischen Regierung kontrolliert werden, als auch im Territorium der so genannten Republik Lugansk. "Dies ist nur möglich, weil wir uns in der Region bereits seit 2012 engagieren und politisch und konfessionell unabhängig sind", erklärt der SOS-Leiter in der Ukraine.

Hilfe für 1200 Kinder

Neben Kindern und Familien, die in der Konfliktregion um Lugansk festsitzen, helfen die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine auch Binnenflüchtlingen. Weitere SOS-Projekte gibt es im Großraum von Kiew. SOS unterstützt Familien mit Hilfspaketen (Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln und Schulmaterialien), Bildungs- und Freizeitangeboten sowie psychologischer Hilfe.

Neben den bestehenden 19 SOS-Kinderdorf-Familien erreichen verschiedene Hilfsprogramme derzeit knapp 1200 Kinder und ihre Familien, darunter auch Pflegefamilien. Die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine planen ihre Hilfe zu verstärken.

Dramatische Schicksale

"Hinter jeder Familie, der wir helfen, stehen dramatische Schicksale. Wir helfen z.B. einer geflüchteten Familie, deren Haus zerstört wurde und deren Vater bei einer Explosion beide Beine verlor. Wir unterstützen Eltern und Kinder nun dabei, ihr Leben neu auszurichten. In einem anderen Fall kümmern wir uns um zwei Geschwister, 9 und 13 Jahre alt. Ihr Vater kam in Lugansk ums Leben, die Mutter erkrankte an Brustkrebs und verstarb. Zum Glück konnten wir eine Pflegefamilie für die Kinder finden. Wir unterstützen die Kinder durch materielle und psychologische Hilfe und sichern ihre Ausbildung", erzählt Chuprikov.

Zahl elternloser Kinder wird steigen

"Bereits jetzt sehen viele Eltern keinen Ausweg mehr und versuchen, ihre Kinder in Heimen unterzubringen. Wenn wir heute den Familien nicht helfen, wird die Zahl elternloser Kinder in naher Zukunft steigen und es werden wieder mehr Kinder auf der Straße leben", warnt der SOS-Leiter.

"Vergesst die Kinder in der Ukraine nicht!"

Vor kurzem war Andriy Chuprikov nach Brüssel gereist, um Mitglieder des Europäischen Parlaments, der EU-Kommission und Vertreter von Hilfsorganisationen auf die Situation von Kindern und Familien in der Ukraine aufmerksam zu machen. "Durch die aktuelle Flüchtlingskrise und den Krieg in Syrien rückt die Krise in der Ukraine und die Situation der Kinder hier in den Hintergrund. Der Soziale Sektor im Osten des Landes ist auf ein Viertel seiner ursprünglichen Kapazität geschrumpft. Aber gerade jetzt brauchen Kinder und Familien in Not dringend Hilfe!", so der SOS-Leiter.