Internationaler Friedenstag

230 Millionen Kinder leben in Kriegs- und Krisengebieten

21.09.2015 - Am 21. September ist der „Internationale Tag des Friedens“. In disem Jahr scheint dieser Tag notwendiger und aktueller denn je zu sein. Die „SOS-Kinderdörfer weltweit“ sind in 134 Ländern der Welt tätig und unterstützen nicht nur Waisenkinder und arme Familien, sondern auch Flüchtlingskinder und Flüchtlingsfamilien. Louay Yassin, der Pressesprecher der „SOS-Kinderdörfer weltweit“, im Interview über die Flüchtlingsarbeit der Hilfsorganisation.

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Aktuell finden sich tausende von Menschen auf der Flucht. Fast die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder. Foto: Katerina Ilievska

Herr Yassin, angesichts der vielen Kriege und Krisen auf der Welt fällt es ja doch sehr schwer vom „Weltfriedenstag“ zu sprechen. Ist dieser Eindruck richtig?

Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Wir haben aktuell eine der schlimmsten Phasen von Konflikten seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Weltweit wuchsen im vergangenen Jahr 230 Millionen Kinder in Kriegs- und Krisengebieten auf. Diese Zahl ist so groß. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen.

 

Gibt es denn Anzeichen, die Hoffnung machen, dass es besser werden könnte? 
Derzeit sehe ich das leider nicht. Fast 60 Millionen Menschen mussten wegen des Krieges ihre Heimat verlassen und sind auf der Flucht. Wir haben – wie das so schön heißt – bewaffnete Konflikte in sehr vielen Ländern: Irak, Syrien, Libyen, Zentralafrika, Südsudan, Ukraine, Jemen … um nur ein paar zu nennen. Überall leiden Menschen und natürlich vor allem Kinder. Die SOS-Kinderdörfer fordern seit Jahren in allen Konflikten Schutzzonen für Kinder. Bislang leider mit wenig Erfolg.

 


Tausende Flüchtlingskinder kommen zurzeit täglich in Serbien und Mazedonien an. Die SOS-Kinderdörfer leisten dort Nothilfe. Foto: Katerina Ilievska

Fast 40 Jahre lang standen sich die damaligen Supermächte USA und UdSSR im „kalten Krieg“ gegenüber, die Welt stand mehrere Male kurz vor der Katastrophe. Irgendwie scheint die Menschheit daraus aber nicht gelernt zu haben, oder?

Anscheinend nicht. Besonders schlimm finde ich, dass in Kriegen auf Kinder keinerlei Rücksicht genommen wird. Letztes Jahr gab es weltweit 23 Konfliktsituationen, in denen Kinder schwersten Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt waren. Allein in den Bürgerkriegen in Südsudan und Zentralafrika wurden schätzungsweise 22.000 Kinder und Jugendliche als Soldaten missbraucht. Weltweit werden Kinder als Zielscheibe oder als Schutzschild missbraucht. Sie werden vergewaltigt, ermordet und gefoltert. Das ist eine unglaubliche Verrohung. Hier geht es doch um den Schutz von wehrlosen Kindern. Alle Regierungen, die EU und die UN müssen hier eigentlich den Kinderschutz durchsetzen.

 

Europa ist der Kontinent mit den wenigsten Krisen und Kriegen in den vergangenen Jahrzehnten. Kein Wunder, dass Millionen Menschen nach Europa kommen möchten. Bisher hat man den Eindruck, dass sich Europa aber nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, was den Umgang mit Flüchtlingen angeht.

Das ist richtig. Nur als Beispiel: Der Libanon hat mit seinen rund vier Millionen Einwohnern über eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Das ist rund ein Viertel der Bevölkerung. In Deutschland sprechen wir dieses Jahr von 800.000 Flüchtlingen auf mehr als 80 Millionen Menschen. Letztendlich muss es aber darum gehen, Krieg und Flucht zu vermeiden. Kinder können hier auch eine wichtige Rolle spielen. Wenn sie zu Toleranz erzogen werden und Bildung erhalten, werden sie später weniger leicht den nächsten Kriegsherren folgen.

Herr Yassin, ich bedanke mich für das Gespräch.