Syrien: "Bitte seht nicht weg!"

Interview mit Rasha Muhrez vom SOS-Kinderdorf Damaskus

28.11.2014 - Seit einem Jahr ist Rasha Muhrez (33) Nothilfe-Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Syrien. Mit freundlicher Genehmigung des Münchner Mekur veröffentlichen wir hier das Interview, das Barbara Nazarewska mit ihr geführt hat:

Die 33-jährige Rasha ist SOS-Nothilfe-Koor-
dinatorin in Syrien – und gerade in Bayern unter-
wegs, um auf das Elend in ihrem Heimatland aufmerksam zu machen. Sie hat Angst, „dass die Welt uns vergisst“, sagt sie.
Für Rasha Muhrez war Damaskus einst eine „sichere, weltoffene Stadt“ – ein Zuhause. Heute rechnet sie damit, dass jederzeit eine Bombe hochgeht. Seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges vor mehr als dreieinhalb Jahren arbeitet Rasha, 33, als SOS-Nothilfe-Koordinatorin in Syrien. Sie schmiss ihren Job als Finanzexpertin, um sich um Not leidende Familien und Flüchtlinge zu kümmern. Seit Monaten bewohnt sie nun ihr Büro in Damaskus – der Nachhauseweg ist für sie zu gefährlich geworden. Gerade ist Rasha in Bayern unterwegs. Sie will die Menschen hier aufrütteln: Bitte seht nicht weg! Bei uns herrscht immer noch Krieg! Ein berührendes Gespräch über einen – fast – vergessenen Konflikt.

Als plötzlich der Krieg ausbrach – was ging da in Ihnen vor?
Zuerst dachten wir alle: Wir können damit leben. Doch es wurde immer schlimmer, es gab immer mehr Angriffe, immer mehr Tote. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich eines Tages mit dem Auto zum Flughafen fuhr. Ich fuhr damals im Zickzack, das machte ich automatisch. Bis mir bewusst wurde, warum ich das tat: Ich musste den Leichen ausweichen, sie lagen überall auf der Straße.

Was fühlten Sie in diesem Moment?
Ohnmacht. Trauer. Wut. Es fühlt sich unfair an. Warum wir? Warum unser Land?

Haben Sie auch jemanden verloren?
Ja. Einen Cousin. Freunde. Nachbarn. Das alles ist hart, ich habe so etwas noch nie vorher erlebt. Und manchmal denke ich: Das ist nicht wahr! Das kann einfach nicht sein! Die Menschen in Syrien sind nicht mehr dieselben. Es geht nicht ums Leben, es geht ums Überleben. Jeden Tag.

Wovor haben Sie am meisten Angst?
Davor, dass die Welt uns vergisst, dass sie immer mehr wegschaut – weil der Krieg ja schon so lange dauert und irgendwie, ja, so normal geworden ist. Es gibt neue Krisenherde: die Ukraine, Afrika mit der Ebola-Epidemie. Wer denkt da an Syrien? Manchmal fürchte ich, wir werden ein zweites Palästina, das schon seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommt.

Fürchten das auch Ihre Landsleute?
Viele hoffen, dass es bald vorbei ist. Mein Vater zum Beispiel, der sagt mir jedes Mal: Du wirst sehen, demnächst ist Waffenruhe.

Sie glauben ihm nicht?
Leider – nein. Denn angenommen, es wäre morgen tatsächlich Waffenruhe, würde es ja noch mindestens ein Jahr dauern, bis wir zu einem einigermaßen funktionierenden Staat werden – zu einer Demokratie. Schauen Sie sich doch allein den Vormarsch der Terrormiliz IS an. Das sind Fanatiker! Dabei war Syrien früher ein liberales Land, mit vielen religiösen Minderheiten. Wie bekommt man die Menschen an einen Tisch? Das wird schwierig. Für mich steht fest: Die USA, die EU müssen uns helfen.

Sie selbst sind nicht politisch aktiv ...

„Wir betreuen Kinder, die traumatisiert sind“, sagt
Rasha Muhrez. Kinder, wie das kleine Mädchen
auf dem Foto.
Ich engagiere mich lieber humanitär. Jeden Morgen sitze ich mit meinem Team zusammen und wir planen den Tag – im Krieg kann man ja kaum vorausplanen. Danach gehe ich zu den Familien, die alles verloren haben: ihr Zuhause, ihre Zuversicht. Wir betreuen viele Kinder, die keine Eltern mehr haben, die traumatisiert sind, weil sie nicht verstehen, was genau passiert ist – sie fühlen sich entwurzelt, allein gelassen. Sie haben Hunger, Durst, nichts zum Anziehen. Sie haben Erinnerungen daran, wie sie als Kindersoldaten auf Menschen schießen mussten. Einige Mädchen wurden zwangsverheiratet, konnten aber flüchten. Ihre Familien hatten sie verkauft, weil sie für die anderen Kinder dringend Geld brauchten. All diese Mädchen wurden sexuell missbraucht.

Was fällt Ihnen besonders schwer?
Da ist so viel – so viele schreckliche Geschichten. Manchmal muss ich mitten in einem Gespräch aufstehen und rausgehen, um zu weinen. Die Menschen sollen mich nicht weinen sehen – die haben es schon schwer genug. Für sie sind wir so etwas wie ein Rettungsanker. Deshalb müssen wir stark sein. Aber wir sind auch nur Menschen. Ich wünschte, dieser Krieg wäre endlich vorbei.

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