Interview: Weltfriedenstag am 21. September

Nie gab es seit dem 2. Weltkrieg mehr Konflikte auf der Welt als heute

20.09.2016 - Am 21. September ist "Internationaler Tag des Friedens". Ins Leben gerufen wurde dieser Tag von der UNO im Jahr 1981. Damals hielt der kalte Krieg die Welt in Atem. Wenn man sich überlegt, wie viele Krisenherde es auf der Welt aktuell gibt, dann scheint dieser Tag auch im Jahr 2016 genauso aktuell und notwendig zu sein wie damals. Die SOS-Kinderdörfer weltweit sind in über 130 Ländern auf der ganzen Welt tätig – auch und gerade in vielen Krisen- und Kriegsgebieten. Darüber spricht Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit.

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Herr Yassin, die Weltgemeinschaft schafft es nicht, einen verlässlichen Waffenstillstand in Syrien zu organisieren. Da klingt ein "Weltfriedenstag" ja fast schon zynisch.

Ja, da muss ich Ihnen leider Recht geben. Dabei steht der entsetzliche Syrienkrieg ja nur beispielhaft für sehr viele Konflikte weltweit. Noch nie seit dem zweiten Weltkrieg sind so viele Kinder in Konflikten und Krisengebieten aufgewachsen. Rund 87 Millionen Kinder unter 7 Jahren kennen im Grunde nichts anderes als Krieg, Töten und Morden. Sie können sich vorstellen, was das mit der Kinderseele anstellt …

 


Nie gab es seit dem 2. Weltkrieg mehr Konflikte auf der Welt als heute. Kinder leiden unter Kriegen am meisten – so auch in Aleppo, Syrien.

Hoffnungsvoll klingt ja definitiv anders.

Oh ja! Seit 2008 hat sich die Zahl der Toten durch Kriege oder Konflikte verfünffacht. Und die Zahl der Toten durch Terror hat sich vervierfacht. Die SOS-Kinderdörfer sind ja in den meisten Kriegs- und Krisengebieten vor Ort. Wir bekommen also hautnah das Entsetzen und die Zerstörung mit. In Aleppo beispielsweise sind über 80 Prozent der Schulen zerstört. Hunderttausende Kinder können seit Jahren nicht mehr in die Schule gehen. Dabei ist das ganz wichtig für das Seelenheil der Kinder: Schule gibt traumatisierten Kindern Halt. Deshalb sind wir gerade dabei, in Aleppo zwei neue Schulen aufzumachen. Es geht hier auch um Hilfe, aber vor allem ein Signal: Wir weichen nicht der Gewalt!

 

Wer müsste denn eigentlich was machen, damit es in Zukunft besser wird? Gibt es da überhaupt so etwas wie eine Blaupause?

Es gibt weltweit eigentlich viele Initiativen, um die existierenden Konflikte zu bekämpfen. Ein Beispiel dafür ist der Bürgerkrieg in Kolumbien, der fast 50 Jahre lang tobte und der jetzt beigelegt werden konnte. Auch für Syrien gibt es Initiativen. Hier müsste aber mit sehr viel mehr gemeinsamer Anstrengung und weniger Eigeninteresse vorgegangen werden. Als Minimalziel fordern die SOS-Kinderdörfer in jedem Konflikt Kinderschutzzonen, wo die Kinder einigermaßen sicher sind. Das gibt es bisher nirgendwo!

 

Meldungen aus Syrien hören wir fast täglich in den Nachrichten. Wo sind denn Krisenherde, die eher unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit stattfinden, um die man sich aber auch große Gedanken machen sollte? 

Da gibt es leider viel zu viele: Zentralafrika, die Ukraine, der Irak, Nigeria, Somalia, Jemen, um nur einige zu nennen. Überall sterben Kinder, werden verletzt oder schwer traumatisiert. Da ist es doch kein Wunder, dass sich die Eltern mit ihren Kindern – oder sogar die Kinder mutterseelenallein – dorthin auf den Weg machen, wo es friedlicher ist.