Als Schwangere mitten im Chaos von Aleppo

Interview mit SOS-Helferin in der belagerten Stadt

05.08.2016 - Hadeel Karboutly (30), die Leiterin der Nothilfe-Kita der SOS-Kinderdörfer im syrischen Aleppo, ist im achten Monat schwanger. Die SOS-Kinderdörfer versuchen, die Mitarbeiterin mit ihrem Ehemann aus der belagerten Stadt herauszuholen. Das ist jedoch selbst für eine Hilfsorganisation sehr schwierig. Im Interview spricht Hadeel Karboutly über die aktuelle Lage in Aleppo und ihre Sorgen und Nöte als schwangere Frau.

SOS-Helferin (r.) in den Trümmern der belagerten Stadt Aleppo

Wie geht es Ihnen?

Als schwangere Frau lebe ich kein normales Leben, sofern man hier in Aleppo überhaupt von einem normalen Leben sprechen kann. Ich mache mir ständig Sorgen um mein Kind. Finde ich noch eine nicht zerstörte Klinik, wenn es losgeht? Wird diese Klinik überhaupt über Elektrizität verfügen? Es gibt kaum funktionierende Inkubatoren. Wo bekomme ich Milch und Windeln her? Es gibt kaum welche und wenn, sind sie viel zu teuer. Diese Gedanken sind für mich schrecklich. Ich kann nicht aufhören darüber nachzudenken, wie ich meinem Kind ein normales Leben bieten kann.

Wie ist die Situation derzeit?

Ich lebe glücklicherweise in einem Stadtviertel, in dem derzeit nicht zu sehr gebombt wird. Aber es gibt kaum sauberes Wasser. Gemüse ist noch zu bekommen. Auch Früchte gibt es manchmal. Fleisch habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Und wenn es welches gäbe, könnten wir es uns nicht leisten.
Derzeit ist sauberes Wasser unsere größte Herausforderung im täglichen Leben. Das Wasser aus den noch funktionierenden Brunnen ist die Hauptquelle für Trinkwasser in Aleppo. Es ist sehr kalkhaltig und versursacht viele Gesundheitsprobleme wie Magenschmerzen und Hautprobleme vor allem bei Kindern.

Wie kommen Sie an Essen?

Wir müssen auf den Markt, aber dort ist es sehr unsicher. Oft gehen Granaten nieder und töten Menschen. Es gibt auch noch Läden und einzelne Supermärkte. Ich kann nicht den Tag vor gut einem Monat vergessen: Mein Mann und ich gingen zu einem Supermarkt in einem Nachbarviertel. Als wir hinkamen war gerade eine Granate explodiert – mitten im Supermarkt. Viele Menschen wurden getötet. Ich werde diese Szenerie nie vergessen. Wenn wir nur fünf Minuten früher losgelaufen wären, wären wir jetzt auch tot.

Haben Sie Elektrizität?


Zerstörung nach neuen Kämpfen in Aleppo

Es gibt generell keinen Strom. Wir sind abhängig von privaten Stromaggregaten. Aber die geben nicht genug Elektrizität für den Kühlschrank und das Licht. Daher haben wir sehr oft kein Licht am Abend und in der Nacht. Und der Strom für den Kühlschrank allein ist schon sehr teuer.

Wie bereiten Sie Speisen zu?

Wir essen zumeist Gemüse. Fleisch können wir uns ohnehin nicht leisten.

Wie ist es, wenn man in einer belagerten Stadt lebt?

Jeden Tag erwache ich verängstigt auf von den Geräuschen fallender Bomben und Gewehrschüssen. Ich habe viele Nächte nicht geschlafen. Wenn die Bomben und Granaten niedergehen, erschüttert das jedes Mal deinen Körper.
In den vergangenen Tagen hat die Opposition Reifen verbrannt, um Luftangriffe schwieriger zu machen. Schwarzer Rauch und Flammen bedeckten den Himmel. Ich konnte nicht atmen. Ich hatte Angst, der schwarze Rauch könnte in die Lungen meines Babys gelangen. Ich legte mir ein Stück Tuch vor Mund und Nase, aber das funktionierte nicht. Und dann hieß es ja auch noch, dass Giftgas eingesetzt wurde.

Hadeel Kharboutly mit ihrem Mann
Eine Aufnahme aus besseren Zeiten: Hadeel Kharboutly mit ihrem Mann

Ich denke sehr viel an mein Baby: Ist es noch gesund? Ich weine sehr viel. Ich möchte eigentlich zum Arzt und nachsehen lassen, ob es meinem Kind gut geht. Aber es ist nicht sicher in der Kinderklinik in Aleppo. Sie wurde mehrfach beschossen, ein sehr gefährlicher Ort.
Kürzlich schlug eine Gewehrkugel in mein Schlafzimmer ein. Das erinnert mich daran, wie schnell man sterben kann dieser Tage in Aleppo.

Was wünschen Sie sich?

Am liebsten würde ich mein Kind in einer sicheren Umgebung zur Welt bringen. Alles andere ist unwichtig!