Ukraine: „Die Zukunft sieht düster aus“

Ein Interview mit Andriy Chuprikov: Er ist Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine

11.03.2015 - Der Krieg in der Ukraine hat eine tiefgreifende Wirtschaftskrise ausgelöst. Der Wert der Landeswährung (Hryvnia) ist im vergangenen Jahr um 400 Prozent gefallen. Andriy Chuprikov, der Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine, schildert im Interview, was das für die Menschen bedeutet.

Die Preise in der Ukraine sind explodiert, viele Familien können sich kaum noch Nahrung leisten. Die SOS-Kinderdörfer helfen mit Lebensmittelpaketen. Foto: Maria Nedilko

Welche Auswirkungen hat der massive Absturz der Landeswährung?
Alle Preise sind extrem gestiegen, weil sie vom Ölpreis abhängen, der an den Dollar gekoppelt ist. Der Import vieler Güter aus Russland wurde gestoppt. Alles, was jetzt aus Europa kommt, kostet viel mehr. Vor allem Medizin ist sehr teuer – was für die Betroffenen ein großes Problem darstellt. Wir alle sind ärmer geworden. Der Mindestlohn und die Renten liegen weiterhin bei 1300 Hryvnia (37 Euro). Auch Familien mit dem Durchschnittseinkommen von 3700 Hryvnia (105 Euro) treibt die Inflation von rund 25 Prozent in den Ruin. Dazu kommt die hohe Arbeitslosigkeit, die Tausende Familien in die Armut treibt.


Wie überleben die Menschen mit 37 Euro im Monat?
Ich weiß es nicht. Davon kann ein Rentner nur die Kosten für Heizung, Wasser, Strom und Gas bezahlen. Doch die Menschen brauchen auch zu essen – dafür bleibt fast nichts übrig. Dadurch steigt die Kriminalität. Aus Verzweiflung stehlen die Menschen. Oder sie prostituieren sich. Und sie betteln. Vor allem vor Supermärkten. Sie fragen nach Essen, nicht nach Geld. Ich habe mehrmals geholfen, ihnen Brot und Wurst gegeben. Und mit den jungen Menschen geredet. Ich habe sie gefragt, warum sie nicht arbeiten. Es waren vor allem Flüchtlinge aus Lugansk und Donetsk, die keine Chance haben, derzeit eine Arbeit zu finden.


Wie gehen Ihre Landsleute mit diesen Problemen um?


Der Krieg hat viel zerstört - wie zum Beispiel diese Schule im Osten der Ukraine. Die Menschen vor Ort haben momentan wenig Hoffnung und kaum Perspektiven. Foto: Maria Nedilko.

Die ganze Situation führt zu großem Stress für alle. Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Nicht einmal, was am nächsten Tag passiert. Dazu kommt, dass viele Ehemänner und Väter getötet wurden. Diejenigen, die während des Krieges Furchtbares erlebt haben, sind oft traumatisiert. Sie leiden unter Erschöpfungszuständen, Gedächtnisproblemen, Depressionen und zum Teil auch unter Schwindel, Erbrechen, Lähmungen sowie Haar- und Zahnausfall. Sie können ihre schrecklichen Erfahrungen nicht verarbeiten. Oft kommt es in der Folge dann zu häuslicher Gewalt. Familien zerbrechen daran.

 
Welche Erwartungen an die Zukunft haben Sie?
Die Zukunft sieht düster aus, vor uns liegen schwere Zeiten. Über eine Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. Sie leben unter extrem schlechten Bedingungen und haben weder Geld noch eine Perspektive, um ihre Lage zu verbessern. Die Zahl der Familien mit massiven Problemen wird explodieren. Das heißt: Immer mehr Kinder verlieren die Fürsorge ihrer Eltern und brauchen ein neues Zuhause. Die SOS-Kinderdörfer werden ihre Projekte in Lugansk und Kiew ausbauen und noch mehr Familien mit Essen, Medizin, Decken, Kleidung und Schulmaterial unterstützen. In Zusammenarbeit mit UNICEF planen wir gerade die Erweiterung von vier Sozialzentren in und um Lugansk, um 1000 weiteren Flüchtlingen und einheimischen Familien in Not helfen zu können. 

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