SOS kämpft gegen Internierung von Flüchtlingskindern

UN-Gipfel zu Flucht und Migration am 19.9.: Sonderbeauftragter der SOS-Kinderdörfer im Interview

16.09.2016 - Flucht und Migration stehen im Zentrum des Gipfels der Vereinten Nationen am 19. September in New York. Richard Pichler vertritt dort die SOS-Kinderdörfer als Sonderbeauftragter, um sich für Flüchtlingskinder und deren Rechte einzusetzen. Im Interview erklärt er, wo die Kinderhilfsorganisation die Staatengemeinschaft in der Pflicht sieht.

Wie beurteilen Sie den Entwurf der Erklärung zu Flucht und Migration, den die Staatengemeinschaft beraten wird?


Gestrandet: Flüchtlingskind mit Vater in Idomeni. Das improvisierte Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze wurde 2016 geräumt. Foto: Katerina Ilievska

Die SOS-Kinderdörfer treten dafür ein, dass Flüchtlingskinder und vor allem auch unbegleitete Minderjährige besonderen Schutz erhalten. Die Tatsache, dass der Entwurf dies festhält, ist bereits ein Erfolg – für uns und vor allem für die Kinder. Wofür wir aber weiter kämpfen, ist ein Ende der Internierung von Flüchtlingskindern. Diese wird im Entwurf "als letztes Mittel" genannt. Die Internierung von Flüchtlingskindern widerspricht jedoch dem elementaren Grundsatz der UN-Kinderrechtskonvention, dass alle Kinder die gleichen Rechte haben, unabhängig von ihrem Asyl- und Migrationsstatus.

Was müssen Regierungen tun, damit die Rechte der Flüchtlingskinder gewahrt bleiben?

Regierungen müssen zum einen sicherstellen, dass Flüchtlingskinder Schutz, Betreuung und Zugang zu Integration und Bildung erhalten. Zum anderen müssen Regierungen alles tun, was in ihrer Macht steht, um unbegleitete Kinder und ihre Familien wieder zu vereinen.

Die EU schätzt, dass im vergangen Jahr fast 90.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlingskinder nach Europa gekommen sind. Was muss geschehen, damit diese Kinder nicht außen vor bleiben?

Besonders besorgniserregend ist, dass tausende Flüchtlingskinder nach ihrer Ankunft in Europa verschwunden sind und wir nichts über ihren Verbleib wissen. Ein Hauptproblem ist, dass es zu wenig Solidarität unter den EU-Mitgliedsstaaten gibt. Würden alle Staaten hier ihren Beitrag leisten, dann würde die Registrierung der Flüchtlinge in den einzelnen Ländern viel besser funktionieren. Eine gerechtere Lastenverteilung in der EU würde auch die Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen erleichtern. Wir müssen zusammenarbeiten, um Flüchtlingskindern in Europa zu helfen - wir müssen aber auch in ihren Herkunftsländern aktiv werden.

Wie können wir Fluchtursachen in den Herkunftsländern nachhaltig bekämpfen?


Richard Pichler mit Kindern im SOS-Kinderdorf Piliyandala in Sri Lanka - Foto: Sebastian Posingis

Einige in Europa glauben, die aktuelle Flüchtlingskrise wäre alleinige Folge des Krieges in Syrien. Aber es gibt viele Länder und Regionen, aus denen die Menschen fliehen. Wir müssen anerkennen, dass die weltweite Ungleichheit ein Hauptgrund für Migration und Flucht ist. Wer für sich oder seine Kinder im eigenen Land keine Zukunft sieht, sucht diese woanders. Gerade junge Menschen brauchen die Chance auf eine menschenwürdige Arbeit. Wenn die Staatengemeinschaft künftigen Flüchtlingskrisen vorbeugen will, dann muss sie ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung, die SDGs, umsetzen. Notwendig sind Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Ausbildung sowie medizinische Versorgung.