Was die Attentate von Paris mit uns zu tun haben

Zeit, innezuhalten - Von Karin Demuth

16.01.2015 - Die Welt demonstriert Einigkeit in ihrer Ablehnung des Terrors, der Paris erschüttert hat. Das ist gut und wichtig. Was uns hier beschäftigt: Alle drei Attentäter von Paris stammen aus schwierigen familiären Verhältnissen, zwei von ihnen wuchsen einige Jahre in einem Heim auf. Macht eine solche Biografie anfällig für radikales Gedankengut? Wie können wir dem vorbeugen? Einige Gedanken dazu von SOS-Kinderdorf-Mitarbeiterin Karin Demuth.

Wann werden junge Menschen anfällig für radikales Gedankengut?

Saïd und Chérif Kouachi werden als Söhne algerischer Einwanderer im 10. Pariser Arrondissement geboren – Saïd am 7. September 1980, Chérif am 29. November 1982. Nach dem Tod ihrer Eltern wachsen sie in einem Heim in der Stadt Rennes im Nordwesten Frankreichs auf, später in einer Pflegefamilie in einem Einwandererquartier der Stadt. Als junge Erwachsene ziehen die Brüder zusammen zurück nach Paris und bestreiten dort mit Gelegenheitsjobs ihren Lebensunterhalt. Chérif Kouachi, der jüngere der beiden Brüder, beginnt bereits als Jugendlicher sich unter dem Prediger Farid Benyettou zu radikalisieren. Sein älterer Bruder gerät ins Visier der Ermittler, weil die sich mit seinem jüngeren Bruder beschäftigen. Offenbar hielt er sich aber 2011 mehrere Monate lang im Jemen auf und wurde dort von al-Qaida unter anderem im Umgang mit Waffen trainiert.
In den Biografien der beiden Männer lässt sich einiges ausmachen, das ihren Hang zu radikalem Gedankengut befördert haben mag.

Arbeitslos und unterprivilegiert, ein Nährboden für Radikalisierung

Laut der Weltbank birgt ein hoher Anteil von arbeitslosen jungen Leuten ein hohes Risiko für politische Gewalt, weil Jugendliche dann leichter für radikales Gedankengut anfällig werden. Auch wenn der genaue Zusammenhang zwischen den illegalen und kriminellen Aktivitäten junger Menschen und Arbeitslosigkeit letztlich ungeklärt bleibt, sieht die Weltbank in der demographischen Entwicklung und den sich daraus ergebenden Arbeitsmarktproblemen schwerwiegende Probleme.

Auch der Soziologe Peter Imbrusch (Peter Imbrusch (2010): Jugendliche als Täter und Opfer von Gewalt, Verlag für Sozialwissenschaften) sieht unterprivilegierte Menschen als besonders anfällig für radikales Gedankengut. Gerade Jugendliche aus Migrantenfamilien erleben ihre Umgebung häufig als abweisend, schlechte Bildungschancen und Arbeitsmöglichkeiten tun ein Übriges. Dazu kommt die zunehmende Urbanisierung in allen Teilen der Welt, die häufig einhergeht mit Ghettoisierung und sozialer Ausgrenzung unterprivilegierter Menschen, dem Zerbrechen traditioneller Werte und dem Aufeinanderprallen verschiedener Wertvorstellungen. Wenn dann Erfahrungen wie Kameradschaft oder Überlegenheitsgefühle mit der Involvierung in Gewalt verbunden sind, können diese Erfahrungen schnell sinnstiftend werden.
Diesen Realitäten müssen sich auch die SOS-Kinderdörfer stellen.

Dem destruktiven Umgang entkommen

Für Peter Imbrusch ist der so genannte „soziopolitische Ansatz“ langfristig der effektivste, wenn es darum geht, gewalttätige und gewaltbereite Jugendliche in die Gesellschaft zu reintegrieren. Er plädiert dafür, Jugendliche in der Ausführung eigener Ideen zu unterstützen. Man müsse Jugendlichen ermöglichen, ihrem destruktiven Umgang zu entkommen und adäquaten Ersatz für jene Erfahrungen bieten, die sie in einem radikalisierten Umfeld gemacht haben.

Der soziopolitische Ansatz fördert die Versöhnung und Befriedung der Jugend, indem er gegen die Marginalisierung junger Menschen kämpft und ihre Integration in gesellschaftliche Strukturen (z.B. Clubs, Netzwerke) unterstützt.

Erziehung zum Frieden

Ansätze wie Integration und Partizipation sind uns bei den SOS-Kinderdörfern vertraut, und das legt die Vermutung nahe, SOS-Kinderdorf-Arbeit sei Friedensarbeit. Ist das so?

Der deutsche Friedensforscher Egbert Jahn meint, dass der Einsatz für benachteiligte, unterprivilegierte, gefährdete Menschen nur dann effektiv ist, wenn diese Arbeit begleitet wird von Maßnahmen, um die Ursachen von sozialer Ungerechtigkeit und Armut zu beseitigen.

Die Kenntnisse, Fähigkeiten und Einstellungen, die die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander sind, wollen erlernt werden. Das ist die Aufgabe von Friedenserziehung, die Elemente sozialen Lernens und politischer Bildung vereint. Wichtig ist hier einerseits der Bezug zur eigenen Person und die Entwicklung sozialer Kompetenzen, andererseits aber auch Fachwissen und bewusste Auseinandersetzung mit politischen Ursachen für Unfrieden und Gewalt. Friedenserziehung muss Menschen nicht nur für Frieden und Gewaltfreiheit begeistern, sondern auch ihre persönlichen und intellektuellen Voraussetzungen fördern, damit sie systematisch an diesem Ziel arbeiten können.

Friedenspädagogik folgt der Prämisse des lebenslangen Lernens und bietet Modelle für alle Altersgruppen an. Nicht das Belehren, sondern selbst organisierte und selbst gesteuerte Lernprozesse stehen im Zentrum von Friedenspädagogik. Eine interdisziplinäre Herangehensweise, das Vernetzen von verschiedenen Ansätzen der Friedenserziehung, Handlungsorientierung und Methoden-Reichtum sowie Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsrecht für alle Beteiligten kennzeichnen dieses Modell neuen Lernens.

Wenn wir das wollen, dann braucht es dazu das Bekenntnis des Managements auf allen Ebenen. Kindern und Jugendlichen Mitsprache und Selbstbestimmung zu ermöglichen heißt demokratische Strukturen zu stärken und ist ein Meilenstein hin zum aktiven, engagierten und politisch denkenden Menschen. Die Folgen dieses Prozesses können allerdings für Erwachsene „unbequem“ sein, denn aktive Jugendliche sind in der Lage Wünsche und Bedürfnisse zu äußern und Veränderungen in ihrer Welt zu bewirken. Aber ist es nicht das, was wir wollen?

Die Autorin Karin Demuth ist Communications Advisor Care & Protection Support bei SOS-Kinderdorf International.