Weltbevölkerungstag

Radio-Interview mit SOS-Pressesprecher Louay Yassin

11.07.2016 - "Bekommt mehr Kinder!", fordern viele Politiker in Deutschland und versuchen, das Elternwerden mit allerlei Anreizen zu unterstützen. Doch trotz aller Bemühungen ist die Geburtenrate hierzulande niedrig, wenn auch mit leicht steigender Tendenz. Global betrachtet sieht das anders aus: Die Weltbevölkerung wächst rasant! Aktuell leben rund 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde, in gut 30 Jahren sollen es schon knapp zehn Milliarden sein, prognostiziert die UN. Und das ist ein Problem, denn die Bevölkerung wächst vor allem dort, wo die Ressourcen ohnehin knapp oder ungerecht verteilt sind. Auf die Probleme des stetigen Wachstums der Weltbevölkerung will der Weltbevölkerungstag aufmerksam machen, der am 11. Juli begangen wird. Darüber spricht Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit.

 

Herr Yassin, in gut 30 Jahren werden wohl fast 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wenn man sieht, wie dramatisch die Situation vor allem in den besonders armen Regionen der Welt ist, und hier sei insbesondere Afrika genannt, muss einem da nicht Angst und Bange werden?


"Die Jugend der Welt lebt in Afrika: Wenn die Menschen gut ausgebildet werden, ist das ein unglaubliches Potential", sagt SOS-Pressesprecher Louay Yassin.

Also Angst und Bange, das glaube ich nicht. Aber es ist natürlich schon einiges, wenn noch einmal gut zwei Milliarden Menschen dazu kommen. Man muss aber auch bedenken, dass dann ab 2050 den Forschungen der UNO zufolge ein Negativwachstum eintreten wird. Das heißt: Ab 2050 werden immer weniger Menschen auf der Erde leben - und der Studie zufolge kann das möglicherweise ganz schön flott gehen.

Was kann denn getan werden, damit es nicht dazu kommt, dass Milliarden Menschen auf der Welt in großer Not und völliger Perspektivlosigkeit leben?

Wir sehen ja heute, dass das größte Bevölkerungswachstum dort herrscht, wo die Armut am größten ist, vor allem in Afrika. Wir sehen aber auch, dass der Kindersegen deutlich nachlässt, wenn die Menschen ein halbwegs ordentliches Grundauskommen haben und Zugang zu Bildung und Verhütungsmitteln. Oft genug können Frauen gar nicht verhüten, weil sie kein Geld haben oder es gar nicht dürfen. Zwei Drittel der unter 20-jährigen Frauen in Entwicklungsländern haben gar keine Möglichkeit an Verhütungsmittel zu gelangen. Wenn wir also hier schnell Abhilfe schaffen, ist das immerhin ein Anfang, dass die Weltbevölkerungszahl womöglich gar nicht in diese Höhen steigt.

Wie realistisch ist es denn, dass dahingehend wirklich etwas passiert? Wie schätzen Sie das aus Ihrer Erfahrung in der täglichen SOS-Arbeit ein? Dürfte vermutlich ein ziemlich steiniger Weg sein, oder?

Natürlich werden diese grundlegenden Probleme nicht von heute auf morgen gelöst. Aber ich sehe das optimistisch. Gerade aus der SOS-Arbeit vor Ort erkennen wir, dass Veränderungen möglich sind. Wo auch immer wir mit extrem armen Familien Programme durchführen, die diesen Familien ein sicheres stabiles Einkommen und für die Kinder Schulbildung ermöglichen, wächst der Wohlstand. Und die Kinderzahl sinkt oft schon nach wenigen Jahren.

Jetzt haben wir viel über die Nachteile und Risiken gesprochen. Bietet der Bevölkerungsanstieg denn auch Chancen für gewisse Regionen oder kann man das eigentlich nur negativ sehen?

Nein, das sollte man nicht. Die Jugend der Welt lebt in Afrika. Das Durchschnittsalter der Afrikaner beträgt momentan 18 Jahre, bei uns in Deutschland sind es über 40. Damit hat Afrika natürlich ein unglaubliches Potential. Wenn diese Menschen alle gut ausgebildet werden, ist Afrika der Kontinent der Zukunft, während Europa vor sich hin altert.