ZEIT online berichtet über SOS-Arbeit in Somalia

Überfallen für einen Sack Reis: Das ostafrikanische Somalia versinkt in Anarchie

17.06.2008 -

Von Florian Gasser

Die Häuser des SOS-Kinderdorfs in der somalischen Hauptstadt Mogadischu sind leer. Im Dezember letzten Jahres tötete ein Raketenangriff fünf Mitarbeiter der Organisation, die Häuser wurden geräumt. Die Familien sind seitdem in Wohnungen in sicheren Stadtteilen untergebracht. So sicher, wie Mogadischu eben sein kann. Informationen aus der Stadt selbst kommen fast keine durch. Ausländische Helfer sind weitgehend abgezogen.

 

Spuren des Bürgerkriegs: ein Raketentreffer in der SOS-Klinik in Mogadischu
Spuren des Bürgerkriegs: ein Raketentreffer in der SOS-Klinik in Mogadischu
Neben der katastrophalen Sicherheitslage, die das Leben in der Stadt fast unmöglich macht, wurde inzwischen auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln zum täglichen Kampf. Wilhelm Huber, Afrika-Leiter der SOS-Kinderdörfer, war im März in der ehemaligen Hauptstadt von Italienisch-Somaliland, und erzählt, dass es für Familien inzwischen sogar gefährlich sei, Lebensmittel zu Hause aufzubewahren. "Es besteht die Gefahr, wegen einem einzigen Sack Reis überfallen zu werden", sagt Huber, der viele Jahre selbst in Mogadischu gelebt hat und derzeit die Arbeit von der kenianischen Hauptstadt Nairobi aus koordiniert. So hat sich in Somalias Hauptstadt Mogadischu laut dem Internationalen Roten Kreuz der Preis für ein Kilogramm Reis in den vergangenen zwölf Monaten versechsfacht.

 

Seit 1991 der Diktator Siad Barre gestürzt wurde, kommt Somalia, das Land am Horn von Afrika, nicht zur Ruhe. Eine zentrale Regierung gibt es seitdem nicht mehr. Die nach dem Zusammenbruch des Staates anarchisch herrschenden Klans wurden 2006 von einer islamistischen Koalition, der Union islamischer Gerichte (UIC), entmachtet. Unter deren Herrschaft kehrte das erste Mal seit Jahren vor allem in Mogadischu so etwas wie Normalität zurück. Doch die währte nicht lange.

Wenige Monate später wurde die UIC von der somalischen Regierung wieder aus Mogadischu vertrieben. Diese war 2004 mit internationaler Unterstützung gegründet worden, ist im Land selbst de facto aber machtlos. Der vermeintliche Sieg über die Islamisten mit Hilfe Äthiopiens war nicht von Dauer. Unterstützt von Eritrea, dem Erzfeind Äthiopiens, kämpfen die Islamisten erbittert weiter. Das Land versinkt seitdem immer tiefer in Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Parteien.

 

Eine Schwersternschülerin untersucht ein Kind in der SOS-Klinik in Mogadischu
Wichtige Hilfe: Eine Schwersternschülerin untersucht ein Kind in der SOS-Klinik in Mogadischu.
Wer Experten nach möglichen Lösungsansätzen befragt, blickt in ratlose Gesichter. Ein Anfang Mai veröffentlichter Bericht von Amnesty International beschreibt die dramatische Lage. Die Bilanz von 2007 liest sich erschreckend: 6.000 getötete Zivilisten in der Hauptstadt Mogadischu, 335.000 aus dem Land geflohene Menschen und über 600.000, die im Großraum der Hauptstadt vertrieben wurden. Ein Abkühlen der Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Spannungen zwischen den Warlords, den islamischen Extremisten und der 2004 gebildeten somalischen Übergangsregierung mit ihren verbündeten Truppen aus Äthiopien nahmen in den letzten Wochen zu.

 

Nur wenige Tage vergehen, in denen keine Meldung aus Somalia über ermordete Zivilisten, Entführungen oder andere Übergriffe zu lesen ist. Allen Seiten wird von Amnesty rücksichtsloses Vorgehen, Menschenrechtsverletzungen und massive Gewalt auch gegen die Zivilbevölkerung vorgeworfen. Wilhelm Huber hat diese Beobachtung ebenfalls gemacht. Vor allem die äthiopische Armee gehe rücksichtslos vor. "Wenn sie versuchen, ein Gebiet von Aufständischen zu reinigen, unterscheiden sie nicht zwischen bewaffneten Kämpfern und Zivilisten oder gar Kindern. Sie nehmen kein Risiko auf sich und schießen, bevor sie wissen, wer vor ihnen steht", sagt Huber.

 

SOS-Kind in Mogadischu
Die Arbeit der SOS-Kinderdörfer in
Es ist eine Gemengelage gefährlicher Interessenkonflikte, die am Horn von Afrika zusammenkommt und den Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den alten Gegnern Äthiopien und Eritrea machen. Seit 1971 kam es zwischen den beiden benachbarten und einst zusammengehörenden Staaten immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. An der Grenze treten, trotz der Präsenz einer UN-Blauhelmmission, häufig Spannungen auf.
Hinter den beiden Rivalen steht eine inzwischen fast unüberschaubare Zahl von Staaten, die die eine oder andere Seite in Somalia unterstützen: Die USA hilft im Rahmen ihres globalen Kampfs gegen den Terror der somalischen Übergangsregierung, denn der UIC wird eine Zusammenarbeit mit al-Kaida vorgeworfen. Ägypten wiederum greift den Islamisten unter die Arme, um zur Destabilisierung Äthiopiens beizutragen. Kairo ist von der Angst getrieben, Äthiopien könne mehr Kontrolle über den Nil für sich beanspruchen. Auch die Staaten der arabischen Halbinsel sowie Sudan und Kenia sind, mehr oder weniger direkt, in den Konflikt verwickelt. Die nicht einmal 2000 Soldaten starke Truppe der Afrikanischen Union kann nichts beitragen und ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich selbst zu schützen.

 

Eine Lösung für Somalia kann demnach nur in einem großen regionalen Kontext erfolgen. "Alle Formen internationaler Einmischung in Somalia sind bisher gescheitert", sagt Jutta Bakonyi vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle. Doch sieht sie auch das Problem, dass vor allem Stabilisierungsversuche im Land, die "von unten kommen", zu einem Ergebnis geführt haben, "das wir uns nicht wünschen", und meint damit die kurzzeitige Machtübernahme durch die Islamisten.

Wilhelm Huber weiß, dass sich deren Wertevorstellungen nur schlecht mit den westlichen Idealen von Demokratie und Freiheit vereinbaren lassen. Trotz allem fand er es erstaunlich, wie es die islamischen Gerichtshöfe innerhalb kürzester Zeit geschafft hatten, so etwas wie Normalität herzustellen. "Die Leute hatten unglaubliche Hoffnungen. Es waren die einzigen sechs Monate seit Langem, in denen das Leben in der Stadt wirklich funktioniert hat", sagt er.
Doch das Eingreifen Äthiopiens zur Vertreibung der Islamisten habe die Situation wieder dramatisch verschlechtert. Die UIC und ihre Splittergruppen kämpfen seitdem von Eritrea aus unter dem Namen "Allianz für die Befreiung Somalias" gegen die Regierung und insbesondere die äthiopische Präsenz in Somalia. Auf Vermittlung des Kleinstaates Djibouti starteten Mitte Mai erstmals Verhandlungen zwischen der Übergangsregierung und der Allianz. Große Erwartungen werden in diese derzeit noch nicht gesetzt.

Die Arbeit der SOS-Kinderdörfer wird auf alle Fälle weitergehen. Seit März sind das Krankenhaus und die Schule der Organisation wieder geöffnet. Bemerkenswert findet es Wilhelm Huber, wie manche Schüler täglich einen oft langen und gefährlichen Weg auf sich nehmen. "Wenn es einmal ganz wild kracht, dann sperren wir schon für zwei oder drei Tage zu, machen aber vor allem die Klinik gleich wieder auf", erzählt er. Eine Entspannung der Situation sieht er in nächster Zukunft nicht. Fast resignierend wirkt er, wenn er über die Zukunft des Landes spricht: "Mein Eindruck ist, dass niemand eine Lösung finden will."

Mit freundlicher Genehmigung von ZEIT online www.zeit.de