Das verlorene Flüchtlingskind

Ein kleiner Junge wird im Chaos der mazedonischen Transitstation von seiner Familie getrennt

Der Albtraum aller Eltern ist für eine syrische Familie wahr geworden: einige Tage vor Weihnachten haben sie ihren Sohn in der Transitstation im mazedonischen Tabanovce verloren. Kurz darauf wurde der kleine Ahmet* in der SOS-Nothilfe-Kita abgegeben. SOS-Mitarbeiterin Katerina Ilievska berichtet von der hektischen Suche nach seinen Eltern und dem Versuch, den Jungen zu beruhigen.

Flüchtlingskind Ahmet wurde im Trubel der Transitstation Tabanovce in Mazedonien von seinen Eltern getrennt. Fotos: Katerina Ilievska

"Er hat sich verlaufen." Sanja, eine Mitarbeiterin der SOS-Kinderdörfer, trägt einen verängstigten Jungen auf dem Arm. Er ist zwei oder drei Jahre alt und zittert am ganzen Leib. Im Trubel der Transitstation Tabanovce in Mazedonien muss er von seinen Eltern getrennt worden sein. Eine Frau hatte den einsamen Jungen bemerkt und ihn zu Sanja gebracht.

Sanja alarmierte sofort ihre Kollegen des Roten Kreuzes und brachte den Jungen zur Nothilfe-Kita der SOS-Kinderdörfer und UNICEF. Hier, in dem warmen Wohncontainer, nehme ich Ahmet entgegen und setze ihn hin, ziehe vorsichtig seine Jacke aus. Er starrt nur ins Leere, sagt kein Wort. "Also, kleiner Mann, wir ziehen jetzt deine Jacke aus, denn hier drinnen ist es warm. Und Tante Sanja bringt dir gleich ein paar Spielsachen. Ganz bald bist du wieder bei deiner Mama", versuche ich ihn zu beruhigen. Ahmet jedoch versteht nichts von dem, was ich sage.

Die Nadel im Heuhaufen


SOS-Mitarbeiterin Sanja versorgte Ahmet mit Spielzeug und half ihm dabei, sich in der Nothilfe-Kita sicher und geborgen zu fühlen.

"Ich brauche ein Foto von ihm", sagt Kiki, eine Mitarbeiterin des Roten Kreuzes. Also schieße ich ein Foto und zeige es Ahmet. Er fährt seinen kleinen Finger über das Bild und lächelt – endlich seine erste Reaktion. Dabei bemerke ich, dass sein linker Zeige- und Mittelfinger mit schwarzem Zwirn genäht wurden. Kiki bietet mir an, die Stiche zu ersetzen, sobald er sich etwas wohler fühlt.

Sanja kommt zurück mit einem Arm voll Spielsachen. Davut, ein SOS-Mitarbeiter, der Arabisch und Farsi spricht, setzt sich zu uns und redet mit dem Jungen, um seine Herkunft zu erfahren. Vergeblich wartet er auf eine Antwort. Ahmet kichert nur, als er die Spielsachen durchwühlt – zumindest fühlt er sich nun schon etwas wohler bei uns. Währenddessen befragen Mitarbeiter von SOS, dem Roten Kreuz und UNHCR die Menschen in der gesamten Transitstation, ob eine Familie ein Kind verloren hat. Auch das Sozialamt von Mazedonien ist bereits informiert.

Bewegtes Wiedersehen

Plötzlich steht Ahmet auf. "Mama", ruft er und rennt zur Eingangstür. Dort bleibt er stehen und schaut nach draußen. Eine Frau schiebt hastig ihren Weg durch die Menschenmenge in Richtung Nothilfe-Kita. "Mama!", schreit Ahmet erneut, als die beiden sich umarmen. Ahmet drückt seine kleinen Arme ganz fest um den Hals der Frau und sie bricht in Tränen aus. Wir alle bekommen Gänsehaut bei diesem Anblick.

Davut erfährt von Ahmets Mutter, dass sie noch zwei weitere kleine Kinder hat. Nachdem die Familie in Tabanovce aus dem Zug gestiegen war, hatte die Mutter sich um die beiden kleineren Kinder gekümmert, während der Vater mit Ahmet Essen holen wollte. Unter rund tausend Flüchtlingen hatten die beiden an der Essensausgabe Schlange gestanden. Es muss nur ein kleiner Moment gewesen sein, in dem Ahmet verloren ging.

Mit dem Schock davon gekommen


Ahmet hält die Hand seines Vaters ganz fest, als die beiden die Nothilfe-Kita wieder verlassen.

Die Familie bedankt sich bei uns und tritt ihre weitere Reise an. Kurz danach fällt Kiki wieder ein, dass die Stiche an Ahmets Finger versorgt werden müssen: "Ruft die nächste Transitstation an, damit sie Ahmet neu vernähen können!"

Dies war für Ahmets Familie nur ein Zwischenstopp auf ihrer Reise Richtung Norden. "Sie kommen aus Syrien und wünschen sich ein besseres Leben. Ich hoffe, dieser Schock war das Schlimmste, das sie auf ihrer Flucht erleben müssen", sagt Davut mir später.

 

* Name zum Schutz der Privatsphäre geändert