Ich werde alles für euch tun

Nach dem Beben: Großmutter zieht nun ihre Enkel groß

Verschlafen nuckelt Maya an einer Flasche Milch. Bhagawati, ihre Großmutter, schaukelt das zwei Monate alte Baby sanft im Arm. Maya war erst drei Tage alt, als in Nepal die Erde bebte. Ihre Schwester Nirmala streicht dem Säugling zärtlich über den Kopf. Die sechsjährige überlebte das Beben wie durch ein Wunder im Arm ihrer Mutter. Doch ihre Mutter Laxmi starb. Wie soll das Leben für Maya, Nirmala und ihre Schwester Jameli (7) weitergehen?

Jameli, Maya und Nirmala wurden durch das Beben zu Halbwaisen. Ihre Großmutter hat nun die Rolle ihrer Mutter übernommen. Foto: Suzanne Lee

"Der Tag, an dem das Erdbeben passierte, war zunächst ein ganz normaler Tag", erinnert sich Bhagawati Baniya (54). Ich war morgens ins Nachbardorf gegangen, um von Verwandten ein Kälbchen zu holen. Als ich gerade dabei war, das Geschirr zu spülen, bebte die Erde. 'Kommt heraus, Kinder, kommt heraus, das ist ein Erdbeben', schrie ich. Ich sah, wie mein Sohn aus der Tür stolperte, das Baby fest umklammert im Arm, Jameli an seiner Hand. Dann stürzte das Haus ein. Meine Schwiegertochter und Nirmala schafften es nicht mehr, herauszukommen."

Überall Zerstörung und Tod

Die Familie lebt in Chautara, einer Siedlung in den Bergen, rund 100 Kilometer nordöstlich von Kathmandu. Die Region wurde vom Beben schwer getroffen. Rund 90 Prozent aller Häuser sind dort zerstört.
"Wir wollten die Trümmer wegheben, um nach den Beiden zu suchen. Doch niemand konnte uns helfen, denn alle Nachbarn waren genauso betroffen. Und ständig bebte die Erde weiter. Ich war außer mir vor Panik", berichtet Bhagawati erregt. "Erst als Helfer der Armee kamen, konnten wir Laxmi und meine Enkelin finden." Die kleine Nirmala hatte wie durch ein Wunder nur ein paar kleinere Verletzungen, doch für ihre Mutter kam jede Hilfe zu spät.

Langsam den Verlust überwinden

"Am Tag, als wir die Trauerfeier für Laxmi abhielten, kamen Mitarbeiter von SOS-Nepal und boten Hilfe an", berichtet die Großmutter. Für Bhagawati war klar, dass sie sich künftig um die Kinder kümmern wird. "Die drei Mädchen sind das größte Geschenk, das uns meine Schwiegertochter hinterlassen hat. Ich bin ihre Oma und so lange ich lebe, werde ich alles tun, was ich kann, um sie glücklich zu machen."


Zärtlich schaut Jameli nach ihrer kleinen Schwester Maya. Foto: Suzanne Lee

Jameli und Nirmala sitzen auf dem Boden und sehen zu, wie ihre kleine Schwester gefüttert wird. Immer wieder blicken die Kinder traurig ins Leere, suchen die Nähe von Großmutter oder Vater. Sie vermissen ihre Mutter sehr und brauchen noch viel Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Besonders für Nirmala, die lange Zeit unter den Trümmern verschüttet lag, wiegen die traumatischen Erlebnisse schwer.

"Wir sind alle noch sehr traurig, doch wir haben wenigstens wieder ein sicheres Dach über dem Kopf", berichtet die Großmutter. Nach Wochen im Zelt hat die Familie nun einen Unterschlupf im Haus einer Tante gefunden. Ein nackter Raum ist jetzt ihr Zuhause, mit ein paar Decken, einem alten Bett und einem Körbchen, in dem das Baby schläft.

Hilfe für Lebensmittel und Schulbesuch


Die Hilfe der SOS-Kinderdörfer ermöglicht Bhagawati, ihre drei Enkel zu versorgen. Foto: Suzanne Lee

Doch ohne Hilfe kann Bhagawati die Mädchen nicht versorgen. Der Vater der Kinder hat keine Ausbildung. Vor dem Beben arbeitete er gelegentlich in der Landwirtschaft oder zog von Haus zu Haus und verkaufte Küchenutensilien. Die Waren dafür kaufte er auf Kredit, noch heute stehen dafür Schulden aus. "Laxmi hielt die ganze Familie zusammen. Auch sie arbeitete auf dem Feld und kümmerte sich um alles. Sie war eine tolle Mutter", berichtet Bhagawati mit Tränen in den Augen.
"SOS hilft uns mit 6000 Rupien (rund 52 EUR) im Monat. Damit kann ich die drei Kinder versorgen und Säuglingsmilch für das Baby kaufen. Ich bin froh, dass ich sogar die beiden älteren wieder zur Schule schicken kann", sagt Bhagawati mit einem Lächeln.

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen - dank Ihrer Hilfe -  rund 1.000 Familien in Nepal, damit diese nach dem Beben ihre Kinder versorgen und ihr Leben wieder aufbauen können.