Wir flüchten für unsere Kinder

Das Flüchtlingslager Gevgelija in Mazedonien, nahe der Grenze zu Griechenland ist Zwischenstation für Flüchtlinge, die über den Balkan nach Westeuropa wollen. Tausende Menschen kommen hier täglich an. SOS-Mitarbeiterin Katerina Ilievska berichtet:

Die Sonne brennt auf die kahle, steinige Fläche, die groß wie ein Fußballfeld ist. Es gibt ein paar Zelte, Stacheldraht. Im Schatten einer Zeltplane hat eine Gruppe Zuflucht gesucht.Ein junger Mann stellt mir seine Familie vor.


Zerstörte Häuser in Aleppo. Foto: Abeer Pamuk
"Wir sind aus Homs in Syrien. Das ist meine Schwester, ihre beiden Söhne, das ist mein Onkel, … wir sind eine Familie. Wir mussten Syrien verlassen, es ist einfach nicht mehr möglich, dort zu leben", berichtet er. "Scharfschützen lauern überall. Du weißt nie, ob Du den Tag überlebst. Du hoffst jeden Tag, dass die Kämpfe aufhören." Ähnliches haben mir schon viele Flüchtlinge erzählt. Jeden Tag Kämpfe, Autobomben und Heckenschützen. Der Tod ist allgegenwärtig. Weggebombte Häuser, in deren Ruinen Flüchtlinge hausen. Und jeden Tag Angst.

Es ist wegen der Kinder


Endlich zur Schule gehen - das ist die Hoffnung vieler Kinder, die derzeit auf der Flucht sind. Fotos: Katerina Ilievska

"Ich habe Angst um meine Tochter, sie ist mein Leben. Deshalb mussten wir fliehen", berichtet der Vater der zweijährigen Melek.

Ich frage den Mann, was letztendlich den Ausschlag für die Flucht gegeben hat. "Es ist wegen ihm", erklärt er und deutet auf seinen Neffen. "Rahman ist neun Jahre alt. Er ist noch keinen Tag zur Schule gegangen. Wir möchten, dass er eine gute Ausbildung bekommt, wie wir alle. Mein Onkel ist Lehrer und Künstler. Wir können ihn nicht zur Schule gehen lassen und dabei nicht sicher sein, ob er wiederkommt. Es ist wegen ihm und wegen Yusuf, der ist sieben Jahre alt. Deswegen sind wir aufgebrochen." Ich frage den Jungen, ob er zur Schule gehen möchte. Sein Onkel übersetzt. Rahman wird rot und nickt.

Über zwei Millionen syrische Kinder können zur Zeit nicht zur Schule gehen, schätzt UNICEF. Viele Jugendliche waren schon seit gut vier Jahren nicht mehr im Unterricht. Ich denke an eine verlorene Generation. Kinder, die in Trümmern spielen. Jugendliche, die keine Perspektive haben. Neben dem Kriegsterror steigt in der Region auch die Zahl von Kindesentführungen. Die Angst um ihre Kinder bringt viele Eltern dazu, sich auf die monatelange Reise zu begeben.

Rastlos auf der Durchreise

Die Familie hat kaum Gepäck. "Habt ihr zu Essen und zu trinken bekommen?", frage ich. "Wir haben nur Wasser geholt, antwortet der junge Mann. "Wir wollen unbedingt zum Bus. Wissen Sie, wann die nächsten Busse fahren?" Ich gebe weiter, was ich von den Polizisten und den Helfern im Camp gehört  habe.

Am Zaun des Lagers hängt ein handgeschriebener Zettel. Der Bus kostet 20 Euro pro Person, der Zug 10 Euro. Bis Mitte August war die Zugfahrt noch für knapp die Hälfte möglich, nach einem Streik der Bahnarbeiter stiegen die Preise zwischenzeitlich auf 25 Euro. Ich versuche, Rahmans Familie zu zählen. Es sind mindestens 15 Personen. Ich rechne…

Ich frage, ob die Kinder schon die Nothilfe-Kita der SOS-Kinderdörfer im Flüchtlingslager kennen. Dort können die Jungs malen, spielen, ein wenig zur Ruhe kommen. Ihre Mutter könne gerne mitkommen…Doch Rahmans Onkel ist vorsichtig: "Wir bleiben lieber zusammen. Vielleicht müssen wir schnell aufbrechen."

Hilfe in der SOS-Kita


Viele Mädchen und Jungen sind von den Strapazen der Flucht erschöpft und traumatisiert.

Papier und Stifte sind auf den Tischen verteilt, es gibt ein paar Spielsachen. Die vierjährige Naya malt stumm mit Wachsmalstiften. Als ich frage, ob ich ein Foto machen darf, streicht ihre Mutter schnell die Haare des Mädchens zurück und bändigt die Locken mit einer Haarspange. Sie schenkt mir dabei ein Lächeln, sie ist stolz auf ihre Tochter. Doch Naya lächelt nicht. Genauso wenig wie ihr sieben Monate alter Bruder Omar, den ich ein wenig am Fuß kitzeln darf. Beide schauen mich nur starr an. Die Kinder sind müde.

Die Familie hat von SOS ein Hilfspaket bekommen. "Babynahrung, Windeln und Feuchttücher. Das brauchen wir so dringend", erklärt Nayas Mutter. Täglich verteilt SOS in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern des Roten Kreuzes solche Pakete. Die erste Lieferung, die für rund zwei Wochen ausreichen sollte, war bereits nach fünf Tagen weg. Viele Babys können nicht häufig genug gewickelt werden, werden wund. Die Mütter sind sehr erleichtert, wenn sie ihre Kinder auf der Flucht endlich einmal Baden oder Pflegen können. Ich habe in Gevgelija viele Familien erlebt - hinter jeder Fluchtgeschicte steckt ein tragisches Schicksal. Von einem Vater, den ich schon vor einigen Tagen kennengelernt hatte, erhielt ich inzwischen eine Nachricht: "Wir sind in Österreich angekommen!"
 

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