Interview: Muttertag im SOS-Kinderdorf

SOS-Mutter Cordula Schwarz erzählt

Wenn Knirpse das Frühstück machen und 12jährige heimlich Blumen pflücken, um gleich danach wieder „total cool“ zu sein, dann ist … Muttertag!

So hat Iordanka (12J.) aus einem bulgarischen SOS-Kinderdorf den Muttertag gemalt.

Am 10. Mai ist wieder der Tag, an dem die Mütter im Mittelpunkt stehen oder stehen sollten. In vielen Familien wird dieser Tag jedes Jahr zelebriert, und auch in den SOS-Kinderdörfern überall auf der Welt ist der Muttertag kein Tag wie jeder andere.

Cordula Schwarz ist sechsfache SOS-Mutter im Kinderdorf Seekirchen in Österreich und berichtet über Ihre Erfahrungen zum Muttertag:
 

Anhören:


Frau Schwarz, Sie sind seit fünf Jahren SOS-Mutter. Wie muss man sich denn den Muttertag bei Ihnen vorstellen? So wie in jeder anderen Familie auch, nur – Sie haben ja sechs Kinder – in der XXL-Version?   
Nein, Muttertag im Kinderdorf ist schon ein bißchen anders. Die Kinder bei mir entscheiden, ob sie zum Beispiel die Geschenke, die sie basteln mir schenken möchten oder ihren leiblichen Müttern, die wir bei uns im Haus die "Bauchmamas" nennen. Das ist dann immer unterschiedlich. Manchmal bekomme ich alles und manchmal bekomme ich gar nichts. Einfach so, wie die Kinder sich im Moment fühlen.


Cordula Schwarz, SOS-Mutter in Seekirchen in Österreich.


Also ist dieser Tag durchaus nicht nur fröhlich, wenn den Kindern offenbar sehr bewusst wird, dass in ihrem Leben nicht alles so gelaufen ist, wie es sein sollte … 
Das ist ganz bestimmt so. Wir reden sehr offen darüber, warum die Kinder bei uns sind. Die Kinder erinnern sich auch sehr daran, was sie zu Hause erlebt haben und das macht natürlich schon traurig. Sie sagen zum Beispiel: "Wenn ich in Deinem Bauch geboren worden wäre, Mama, dann hättest Du mich nie gehauen" oder "ich hätte immer zu essen bekommen". Gerade am Muttertag kommen schon Erinnerungen zurück bei den Kindern.


Wenn man so etwas von einem kleinen Knirps hört – muss man da nicht auch als erfahrene SOS-Mutter schlucken?
Ja, es erschreckt einen immer wieder, was wir Erwachsene Kinder antun.


Für Kinder ist der Muttertag ja auch unglaublich spannend, hat etwas von Weihnachten. Es wird schon Tage vorher gebastelt, vorbereitet, getan und gemacht. Ist bei Ihren Kindern in diesen Tagen auch schon was im Busch?
In diesem Jahr schon. Ich habe eher kleine Kinder, sie sind im Alter zwischen vier und sieben. Heuer ist es das erste Mal dass ich erlebe, dass sie flüstern, leise sind und Geheimnisse haben. Das ist aber heuer das erste Mal. Ich glaube, das ist altersabhängig.

 


Bid einer Mutter, die ihr Kind hält. Gemalt von Ema, 5 Jahre.
Und bei den Größeren? Wann kommt der Zeitpunkt, an dem Muttertag nun gar nicht mehr so cool ist? Das dürfte so ab elf, 12 sein, oder? 
Meine Nachbarin hat einen Zwölfjährigen und er geht wirklich noch Blumen pflücken, aber danach ist er wieder "cool" und will in Ruhe gelassen werden. Nett, oder?


Zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Gibt’s irgendeine Erinnerung an einen Muttertag, die Sie nie vergessen werden?  Irgendwas ganz Besonderes?
Vor zwei Jahren haben sie am Tisch diskutiert, ob ich nun eine richtige Mama bin oder ob ich keine richtige Mama bin. Die Sechsjährige hat dann gesagt: "Nein, die Cordula ist nicht die richtige Mama, denn wir sind nicht aus ihrem Bauch geschlüpft. Daraufhin sagt die Vierjährige: "Aber die Cordula putzt für uns und die Cordula schaut, dass wir genug zu essen haben – also ist sie doch die richtige Mama. Die Andere, da sind wir nur herausgeschlüpft." Sie sehen schon, was ich für die Kinder mache, ohne dass sie ihre "Bauchmamas" vergessen müssen oder nicht mögen dürfen. Wir haben irgendwie beide Platz. Und das ist schon schön.