Kirgisistan: Kämpfen für die Töchter

Die SOS-Familienhilfe leistet dabei Hilfe zur Selbsthilfe

Selbst hat die Mutter nichts gelernt und fiel dem traditionellen "Brautraub" zum Opfer: Ihre Töchter Hadidja (8) und Tatybyby (9) sollen es besser haben - mit Unterstützung durch die SOS-Familienhilfe in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek.

Die Armut in Kirgisien ist groß: Diese Familie aus dem SOS-Familienstärkungsprogrammwohnt in einer winzigen Baracke auf einem freien Feld am Stadtrand. Fließendes Wasser gibt es nicht. Foto: Michaela Morosini

Knapp 40 Prozent der 5,5 Millionen Einwohner in Kirgisistan leben unter der Armutsgrenze. In Bildung wird längst nicht genug investiert. Kindergärten gibt es viel zu wenige, die Qualität der Schulen und des Unterrichts ist notorisch schlecht: Es fehlt an Geld, Material, Kompetenz und Lehrkräften. Was nicht verwunderlich ist, denn in Kirgisistan reicht ein Lehrergehalt nicht aus, um die Lebenskosten zu decken. Die SOS-Familienhilfe versucht, dieser gesellschaftlichen Entwicklung entgegenzuwirken, will bedürftige Familien stärken und ihr Auseinanderbrechen verhindern.

Leben auf engstem Raum

Dabei geht es vor allem um Hilfe zur Selbsthilfe: SOS bietet Erziehungskurse an, unterstützt Eltern bei der Jobsuche und bringt Frauen die alte Kunst des Filzens bei, damit sie Geld verdienen können. Sie hilft aber auch, mit Sachspenden oder medizinischer Versorgung die Grundbedürfnisse von Familien zu sichern. Davon profitieren zum Beispiel 230 Kinder in der Hauptstadt Bischkek. Zwei davon sind Hadidja (8) und Tatybyby (9): Die beiden Schwestern dürfen kostenlos die Schule im SOS-Kinderdorf in der Hauptstadt besuchen, die als sehr gut gilt und für externe Schüler Gebühren kostet. Außerdem bekommt ihre Familie Geld für Kleidung; auch Arztkosten für den kranken Vater wurden bezahlt. Mit ihren Eltern und vier Geschwistern wohnen die beiden Mädchen in einer winzigen Baracke auf einem freien Feld am Stadtrand, fließendes Wasser gibt es nicht. Ist es dunkel, wird eine Glühbirne an eine offene Leitung gehängt.

Bildung, damit die Kinder es besser haben


Mutter Elmira will, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihr. Deshalb legt sie großen Wert auf Bildung. Foto: Michaela Morosini

Motor der Familie ist Mutter Elmira, 40, eine resolute Frau, die die Familie ernährt und für ihre Kinder kämpft. Sie trägt einen zerschlissenen, langen Jeansrock, sitzt auf dem Boden des kleinen, strahlend blau gestrichenen Zimmers und erzählt. Davon, dass ihr Mann, ihr zweiter, wegen schwerer Thrombose nicht arbeiten kann. Dass eine medizinische Behandlung für sie unbezahlbar ist und dass sie, um die Familie über Wasser zu halten, in einem Restaurant arbeitet und zusätzlich Beeren und Kräuter sammelt, die sie auf dem Markt verkauft. Die Kinder sollen es mal besser haben, sagt Elmira, deshalb schickt sie sie in alle AGs und zusätzlichen Kurse, die die SOS-Kinderdorf-Schule anbietet. „Bildung ist wichtig“, sagt die Mutter, die selbst nichts gelernt hat.

Brautraub hat an Beliebtheit zugenommen

Gerade einmal 19 war sie, als sie gegen ihren Willen geraubt und zwangsverheiratet wurde. Der Brautraub in Kirgisistan hat nach dem Zerfall der Sowjetrepublik an Beliebtheit zugenommen. Heute lacht Elmira, als sie erzählt, wie sie versuchte, den Entführern zu entkommen. Dabei blitzen ihre Goldzähne. Damals aber war sie verzweifelt, sie kannte den Mann nicht, der sie mit seinen Freunden in sein Elternhaus verschleppte, und sie mochte ihn nicht. Während die meisten Frauen sich in ihrer Not der Tradition unterwerfen und ihr Schicksal annehmen, verließ sie ihren Entführer nach der Geburt ihres ersten Kindes, das Baby auf dem Arm. Ein Schicksal, das sie ihren Mädchen ersparen möchte. Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass über die Hälfte der Ehen in Kirgisistan so zustande kommen, obwohl es illegal ist. Vor drei Jahren wurde das Strafmaß auf sieben Jahre erhöht.

Mithelfen müssen alle - die Mädchen und die Jungen


Die SOS-Familienhilfe finanziert die Schulkosten für Hadidja und Tatybyby. Die beiden besuchen dort freiweillig fast alle Zusatzkurse. Foto: Michaela Morosini

Von all dem wissen Hadidja und Tatybyby noch nichts. Unbefangen erzählen die Mädchen, wie sie ihren Tag verbringen: dass sie in der Schule, im Sportunterricht, am liebsten tanzen und nachmittags der Mutter helfen. Sie fegen vor der Baracke, holen Wasser aus der 500 Meter entfernten Leitung und kümmern sich um das Baby. Auch ihre Brüder müssen helfen, da macht die Mutter keinen Unterschied. Zeit zum Spielen bleibt trotzdem: Fröhlich hüpfen die zwei die hohe Hausstufe hinunter und laufen zu einem Baum, um dessen ausladenden Ast sie ein altes Netz geschlungen haben. „Das ist unsere Schaukel. Die haben wir selbst gemacht“, erzählen sie, und ihre dunklen Augen strahlen. Anderes Spielzeug besitzen sie nicht. Was sie darüber hinaus noch spielen? „Essenseinladung“, antworten sie. „Wir sammeln Blumen, kochen sie und laden uns dann gegenseitig ein. Die Jungs dürfen auch mitmachen.“ Abends sitzen alle gemeinsam vor dem körnigen Bild des alten Fernsehers und schauen ihre Lieblingsserie – über einen Sultan, seinen Harem, über Liebe und Leid –, bevor sie alle ihre dünnen Matratzen ausrollen und sich auf dem Boden des kleinen Nebenraums schlafen legen.

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Die Geschichte über die SOS-Familienhilfe in Bischkek der Journalistin Ulla Arens ist im Dezember 2014 in der Zeitschrift ELTERN FAMILY erschienen.