Kirgisistan: "Sie waren wie wilde Tiere"

Geschwisterschicksal aus dem SOS-Kinderdorf in Cholpon-Ata

Der Vater trank, prügelte und zündete vor den Augen seiner drei Kinder die geliebte Mama an. Adjamal (8) und ihre Bürder Adilet (6) und Makasat (10) haben Furchtbares erlebt, bevor sie im SOS-Kinderdorf Cholpon-Ata ein liebevolles Zuhause gefunden haben.

Die drei Geschwister tragen schlimme Erinnerungen an ihre Vergangenheit im Herzen. Im SOS-Kinderdorf haben sie ein liebevolles Zuhause gefunden. Foto: Michaela Morosini
Zwanzig minus zwölf plus fünf  ...“ Die achtjährige Adjamal sitzt am Esstisch, über ihr Rechenheft gebeugt.Draußen geht die Sonne unter, und die schneebedeckten Gipfel der mächtigen Tian-Shan-Berge verschwinden in der Dämmerung. Mathe ist Adjamals Lieblingsfach, die Aufgaben fallen ihr leicht. Sorgfältig schreibt sie eine „13“ in die Kästchen. Ihr kleiner Bruder Adilet (6) der neben ihr sitzt, zeichnet ein Auto ab. Maksat (10) ist mit den Hausaufgaben bereits fertig. Wie jeden Abend geht Asel Bakirova (44) nun die Hausaufgaben der drei durch, und jedes Mal freut sie sich: alles richtig! „Sie sind so schlau“, sagt sie stolz, „sie bekommen nur Fünfen.“ Eine Fünf ist die beste Note in Kirgisistan. Unterdessen sind die beiden Jüngeren schon zusammen mit ihren Freunden zum Spielplatz gelaufen, dem Bolzplatz des SOS-Kinderdorfs der Kleinstadt Cholpon-Ata. Dass Adjamal, Adilet und Maksat ein normales Leben führen können – lernen, herumtoben, abends in ihren Betten miteinander kichern und ohne Angst vor Albträumen einschlafen –, ist auch Asels Verdienst.

Prügelnder Vater zündete die Mutter an


Unbeschwerte Momente haben die Geschwister erst, seit sie ins SOS-Kinderdorf Cholpon-Ata gezogen sind. Foto: Michaela Morosini

Denn die Kinder haben Schreckliches erlebt, bevor sie zu ihrer SOS-Kinderdorf-Mutter kamen. Sie sind in größter Armut und mit einem trinkenden und prügelnden Vater aufgewachsen. Vor drei Jahren mussten sie erleben, wie er ihre Mutter anzündete. Nach ihrem Tod kamen die Geschwister zu Verwandten, jetzt leben sie mit drei weiteren Kindern im Haus „Universum“. Jedes der zwölf Familienhäuser hat seinen eigenen Namen. Bunt und fröhlich heben sich die gelbgeklinkerten Bungalows mit den roten Dächern von der kargen Landschaft und den baufälligen Häusern der Umgebung ab. Nur wenige Gehminuten sind es zum Strand des Issyk-Kul-Sees, des zweitgrößten Bergsees der Welt, einem beliebten Ferienziel für Touristen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. 73 Kinder wohnen zurzeit im Dorf: Kinder, deren Eltern starben, die zu Hause Gewalt und Alkoholsucht erfahren mussten, deren Herkunftsfamilien zerrüttet sind. Oder deren Eltern sich aufmachten, um im Ausland Arbeit zu finden, und sie zurückließen. Die Jüngsten sind vier Jahre alt; gemeinsam mit anderen leben sie mit ihrer Kinderdorf-Mutter in familienähnlichen Gemeinschaften und bekommen dort, wenn nötig, auch psychologische Hilfe. Die Ferien verbringen viele bei Verwandten – der Kontakt zur Herkunftsfamilie soll möglichst erhalten bleiben. Sind sie 16, ziehen sie zum Studium oder zur Ausbildung in eine betreute SOS-Jugendwohneinrichtung.

SOS-Mama: Betriebswirtin mit Berufung

Die Beziehung zur Kinderdorf-Mutter bleibt meist bestehen – wie in einer richtigen Familie. „Mama“ – das sagen die drei auch zu Asel Bakirova. Das haben sie von Anfang an getan. Ihre Mama kommt aus einer für kirgisische Verhältnisse wohlhabenden Familie und ist eigentlich Betriebswirtin, hat in ihrem Job als Mutter aber, wie sie sagt, ihre Erfüllung gefunden. Eine eigene Familie zu gründen hat sich in ihrem Leben nicht ergeben. Die Ausbildung ist lang – sie dauert fast zwei Jahre –, das Gehalt niedrig. Kein Beruf, den eine Akademikerin des Geldes wegen macht.

"Sie waren wie kleine, wilde Tiere"


In den ersten Monaten war SOS-Mutter Asal rund um die Uhr für die Geschwister da und hat so eine intensive Beziehung zu ihnen aufgebaut: Foto: Michaela Morosini

Als die Geschwister vor eineinhalb Jahren zu Asel kamen, war sie in den ersten Monaten rund um die Uhr für sie da – anders ging es nicht. Die drei waren traumatisiert, verwahrlost, unterernährt, nässten ständig ein. Adilet sprach nicht, Maksat war aggressiv. „Sie waren wie kleine, wilde Tiere“, sagt Asel Bakirova, „und hatten dabei so eine große Sehnsucht nach Liebe.“ Sie ließ sich ganz auf sie ein, spielte und schmuste mit ihnen, bezog immer wieder die Betten. Eine Kollegin – in der SOS-Kinderdorf-Welt „Tante“ genannt – kümmerte sich währenddessen um die anderen Geschwister. Doch das ist Vergangenheit. Und die Kinder haben seitdem gelernt, dass sie eine Zukunft haben werden: Maksat etwa will später als Ingenieur arbeiten. „Ich möchte Häuser bauen in der Hauptstadt Bischkek. Und in einem davon will ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern wohnen.“ Sein kleiner Bruder träumt davon, Flugzeuge zu fliegen. Aber seine Leidenschaft gilt vor allem dem Schach und dem Tanz. Gelenkig schwingt er die Hüften, wenn er kirgisische oder russische Musik hört. Und Adjamal? „Ich werde Schauspielerin“, sagt sie selbstbewusst. „Meine Traumrolle ist Rapunzel, wegen der langen Haare.“ Den nötigen Charme hat sie bereits. „Jetzt sind sie normal und fröhlich“, sagt Asel Bakirova.

Verlustängste und schlimme Erinnerungen

Doch so ganz stimmt das nicht. Manchmal bricht vor allem bei Maksat noch die Erinnerung an früher wieder auf. Er hat sehr an seiner leiblichen Mutter gehangen, hat große Verlustängste. Ist Asel krank, lässt sie es ihn deshalb nicht merken – er fürchtet dann gleich um ihr Leben. Trotzdem: „Sie werden es schaffen“, davon ist die 44-Jährige überzeugt. „Sie haben das nötige Talent, und ich werde ihnen helfen, so gut ich kann.“ Sie strahlt Optimismus und Tatkraft aus – Eigenschaften, die in einem Land wie Kirgisistan bitter nötig sind.


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Die Geschichte über die drei Kinder im SOS-Kinderdorf Cholpon-Ata der Journalistin Ulla Arens ist im Dezember 2014 in der Zeitschrift ELTERN FAMILY erschienen.