Kosovo: "Unsicherheit in Mamas Augen"

Interview zu den ungewollten Babys von Pristina

Nushe Loxhaj-Bicay ist als Sozialarbeiterin in der Frauenklinik am Universitätskrankenhaus in Pristina tätig. Im Interview schildert sie die Situation der Frauen, die ihre Neugeborenen allein im Krankenhaus zurücklassen.

Neugeboren und ganz allein auf der Welt: Zwischen 30 und 40 Mütter lassen in der Universitätsklinik von Pristina jährlich ihre Babys zurück. Foto: Katerina Ilievska

Aus welchen Gründen verstoßen die Mütter in Pristina ihre Babys?
Der häufigste Grund ist die bittere Armut. Junge Frauen, meist aus den armen Landregionen, kommen fürs Studium oder einen Job in die Hauptstadt und haben Angst, dass sie ein Kind nicht durchbringen. Andere kommen für die Geburt nach Pristina, weil es in einer großen Stadt leichter ist, seine Spuren zu verwischen. Viel flüchten vor den konservativen Wertvorstellungen in ihrem Umfeld. Ledige Mütter werden oft ausgegrenzt.


Das neugeborene Baby wegzugeben ist eine sehr emotionale Entscheidung. Wie gehen die Mütter damit um?
Ich habe gelernt, die Unsicherheit in den Augen mancher Mütter zu sehen. In solchen Fällen versuche ich, die Mutter zu unterstützen, damit sie eine Bindung zu ihrem Kind aufbaut. Die ungewollten Babys kommen gleich zu uns und werden von Anfang an von Krankenschwestern versorgt. Doch die Mütter bleiben bis zu zwei Wochen selbst in der Klinik und können ihr Kind zweimal am Tag sehen. Diese Besuche stimmen manche Mutter um. Die kleine Bora hatte Glück. Ihre Mama hat die letzte Nacht mit ihr verbracht und am Morgen beschlossen, sie doch mitzunehmen.


Erfahren Sie erst bei der Geburt, dass eine Mutter ihr Baby nicht behalten will?
Meistens haben wir schon vorher Kontakt zu den Frauen. Viele kommen, weil sie abtreiben wollen. Dafür ist es meistens zu spät, weil sie ihre Schwangerschaft gar nicht bemerkt oder schon eine Weile verheimlicht hatten. Wir nutzen dann die Zeit bis zur Geburt, um sie umzustimmen und ihnen Mut für eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Kind zu machen. Wenn eine Mutter ihr Baby auf keinen Fall behalten will, ist es wichtig, dass sie die Papiere mit ihrem richtigen Namen ausfüllt und einer Adoption zustimmt.


Was passiert, wenn eine Mutter diese Erklärung nicht unterschreibt?


Drei Wochen bleiben die zurückgelassenen Babys im Krankenhaus - danach werden sie häufig ins SOS-Übergangsheim weitervermittelt. Foto: Katerina Ilievska

Bei mir keimt da Hoffnung auf. Sie kann ihr Baby dann in der Pflegefamilie oder im SOS-Übergangsheim besuchen und vielleicht doch noch einen Weg für eine gemeinsame Zukunft finden. Vor zehn Jahren sind die Mütter ohne einen Blick zurück verschwunden. Heute machen viele noch ein Foto von ihrem Baby und ich hoffe in jedem einzelnen Fall sehr, dass es doch noch eine glückliche Wendung gibt.


Wie stark ist das Interesse an Adoptionen im Kosovo?
Die Nachfrage nach gesunden Babys ist riesig. Diese Kinder kommen oft nur für kurze Zeit ins Übergangsheim. Bei kranken oder behinderten Kindern ist es viel schwieriger. Oft finden diese dann im SOS-Kinderdorf ein liebevolles Zuhause.

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