Eine Frage des Überlebens: Bildung in Indien

"Bildung – oder besser gesagt – fehlende Bildung ist eine der größten Herausforderungen Indiens", sagt die Inderin Shubha Murthi, verantwortlich für die SOS-Kinderdörfer Asiens.
SOS-Regionalleiterin Shuba Murti in ihrem Büro in Neu-Delhi

Wenn ich durch die Straßen der Städte und Dörfer Indiens gehe, fällt mir immer wieder auf, wie jung unser Land ist: Über 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren leben hier! Oft in bitterer Armut.

Mit Bildung aus der Armutsfalle – das hört sich einfach an. Oft sind arme Familien jedoch auf die Arbeit ihrer Kinder angewiesen. Manche Familien leben von weniger als einem Dollar pro Tag, für sie ist die Arbeit der Kinder lebensnotwendig.

Die Kinder übernehmen ohnehin schon viele Aufgaben: Sie hüten Ziegen, kochen, sammeln Feuerholz. Schwierig wird es, wenn diese Kinder einer Arbeit nachgehen müssen, um Geld zu verdienen. Kann es in einigen Fällen sinnvoll sein, Kinder bei ihrer Arbeit zu fördern? Dann nämlich, wenn Kinder durch ihre Arbeit ein Handwerk lernen, mit dem sie später ihren Lebensunterhalt verdienen können? Die Regel ist allerdings ausbeuterische Kinderarbeit: Die Kinder zwängen sich in Schächte im Kohlebergbau oder arbeiten zwölf Stunden in Textilfabriken.

Eltern und Kinder brauchen Bildung!

Auf die drei Mädchen aus der SOS-Schule in Faridabad wartet eine bessere Zukunft.

Wir begegnen oft Familien, in denen seit Generationen niemand zur Schule gegangen ist. Wir, die SOS-Kinderdörfer, versuchen daher die Eltern davon zu überzeugen, dass sich ihr Leben zum Besseren wendet, wenn sie ihre Kinder zur Schule schicken. Das Verständnis ist schnell erreicht, wenn wir eine Familie in unser Programm aufgenommen haben. Oft geht es der Familie nach kurzer Zeit deutlich besser. Das kann jeder aus der Nachbarschaft sehen. So wecken wir das Interesse für unsere Arbeit. Wir bezahlen nicht nur Schulgeld, Uniform und Unterrichtsmaterialien für die Kinder. Zusätzlich helfen wir den Eltern, eine Ausbildung zu absolvieren, damit sie mit ihrer Arbeit mehr Geld verdienen, sich selbständig machen können und nicht mehr für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Deshalb müssen wir unser Engagement noch verstärken: Eltern und Kinder brauchen Bildung!

Manchmal, wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich auch Kinder in Schuluniformen, die ihre Bücher stolz vor sich hertragen. Ich sehe Eltern, die strahlen. Und freue mich, dass ich einem so jungen Land lebe, das so reich an Perspektiven ist.