Wer leert den Briefkasten, wenn ich sterbe?

Für Albert Lindner war es wichtig, die Dinge aufgeräumt zu hinterlassen.
 

 

SOS-Kinder
Im indischen Ladakh lernte das EhepaarLindner die Arbeit der SOS-Kinderdörferkennen und begann, sie zu unterstützen.
Für die kleine Heide war ihr großer Bruder Albert der Held. Zehn Jahre waren die beiden auseinander, und alles, was Albert machte, war toll, ob er nun wie so oft an irgendetwas herumbastelte oder durch die Wiesen und Wälder streifte, die er so gerne mochte. Die schönsten Momente waren für Heide diejenigen, in denen er sich mit ihr beschäftigte. Wenn sie beide zum Beispiel Akrobatik-Kunststücke einübten, Albert auf der Couch lag und sie auf seinen hoch gestreckten Beinen in der Luft schwebte. Da konnte es passieren, dass Heide mit dem Kopf kräftig gegen das Klavier donnerte – und immer noch froh war. Aber die Zeiten nahmen auf Geschwisterliebe keine Rücksicht. Heide war sieben, Albert siebzehn, als er eingezogen wurde. Als Flakhelfer, heute würde man sagen als Kindersoldat, musste er in den Krieg gehen. "Viele seiner Mitschüler kamen nicht mehr zurück", erinnert sich die Schwester heute. Albert Lindner* kam 1945 wieder nach Hause, aber er hatte sich verändert. "Er war sehr schweigsam, in sich gekehrt!", sagt die Schwester. Was er erlebt hatte, erzählte er bis zu seinem Tod nicht. Und die Schweigsamkeit blieb.

Nach dem Krieg begann Albert Lindner eine Ausbildung bei der Bundesbahn, für die er nach Karlsruhe zog. Nun sah Heide ihren Bruder nur noch sporadisch, wenn er mit einem Berg Wäsche nachhause kam und einen Tag später wieder loszog. Das Leben führte die Geschwister an entfernte Orte: Heide heiratete, zog in die Schweiz, bekam Kinder, Albert heiratete ebenfalls, zog in das kleine Knittlingen nahe Karlsruhe und reiste mit seiner Frau um die Welt, vor allem nach Asien. Dort lernte das Ehepaar im indischen Ladakh die Arbeit der SOS-Kinderdörfer kennen und begann, sie regelmäßig zu unterstützen. Albert und seine Frau – das war eine Einheit, und als Irene vor sechs Jahren starb, war die Lücke nicht zu füllen. "Wir haben uns damals häufig besucht, sind viel miteinander gewandert", erzählt die Schwester. Gesprochen hätten sie auch da nicht viel. "Aber das machte nichts: Ich kannte ihn ja so und habe es einfach genossen, mit ihm zusammen zu sein."

Allein in seinem Haus in Knittlingen hielt Albert Lindner strenge Ordnung. Immer öfter dachte er über seinen eigenen Tod nach, es war ihm wichtig, die Dinge aufgeräumt zu hinterlassen. Auch seinen Nachlass regelte er schon: Ein Teil seines Geldes war für die Alten bestimmt - es sollte an eine Organisation gehen, die betagten Menschen in Tibet hilft -, der andere Teil für die Jungen: die Kinder in den SOS-Kinderdörfern. Häufig tauschte er sich mit den Mitarbeitern der SOS-Kinderdörfer aus, die auch seine Beerdigung ausrichten sollten. Seine Gedanken wurden immer konkreter: Wer wird den Briefkasten ausleeren, wenn ich sterbe?

Gleich neben der Tür seines Hauses legte er schließlich eine Mappe mit allen wesentlichen Papieren bereit und eine Liste mit den wichtigsten Daten. Albert Lindner, 81 Jahre alt, muss eine Ahnung gehabt haben. Kurze Zeit später schlief er ein und wachte nicht mehr auf.

 

 

* Wir respektieren, dass Albert Lindner nie über sein Engagement gesprochen hat und stellen ihn deshalb hier mit geändertem Namen vor.