Wo ist Gertrud Peemöller?

Lange Zeit hatte es nicht danach ausgesehen, aber am Ende ist Gertrud Peemöller doch noch würdevoll verabschiedet worden. "Es hat mich sehr berührt, dass die SOS-Kinderdörfer so eine ergreifende Trauerfeier für sie ausgerichtet haben", sagt Edith Kurp, die früher Gertrud Peemöllers Nachbarin war und in dieser dramatischen Geschichte eine wichtige Rolle spielt.

 

Gertrud Peemöller
Gertrud Peemöller
Die beiden Frauen hatten dreißig Jahre lang in einem Haus gewohnt, gemeinsam mit einigen weiteren älteren Damen. Das war eine Nachbarschaft, die den Namen verdient hat! Im Laufe der Jahre hatte man sich angefreundet, man passte aufeinander auf. Gertrud Peemöller wurde von ihren Nachbarinnen für ihre freundliche Art geschätzt, wenngleich sie deutlich zurückgezogener lebte als die anderen. Nie bekam sie Besuch, aber wenn sie eine ihrer Nachbarinnen im Treppenhaus traf, dann konnte das Gespräch lange dauern. Gertrud Peemöller erzählte vor allem von Marlies, ihrer Tochter, die mit 38 Jahren an Leukämie gestorben war. "Marlies war ihr ein und alles", sagt Edith Kurp. Zweimal war Gertrud Peemöller verheiratet gewesen, der erste Ehemann war im Krieg geblieben, der zweite an Krebs gestorben.

 

 

Dann kam der Tag, an dem die Nachbarinnen Gertrud Peemöller, 86 Jahre alt, auf dem Boden ihrer Wohnung fanden. Sie war gestürzt und wurde nun ins Krankenhaus gebracht. Im Laufe der nächsten Monate wechselte sie zwischen Pflegeheim und Krankenhaus. Als sich ihr Zustand verschlechterte, bat Edith Kurp die Schwestern, rechtzeitig informiert zu werden, falls Gertrud Peemöller dem Sterben nah sein würde - falls sie jemanden brauchen würde, der ihre Hand hält.

 

Edith Kurp hat die Hand der Freundin nicht mehr halten können: Bei ihrem nächsten Besuch im Heim sagte man den Nachbarinnen, Frau Peemöller sei wieder im Krankenhaus. Dort angekommen, hieß es: "Frau Peemöller ist vor ein paar Tagen gestorben!" Schockiert gingen die Frauen nach Hause. In den kommenden Wochen versuchten sie herauszufinden, was mit Frau Peemöller geschehen war. Weder im Krankenhaus noch im Heim wusste man Bescheid. Erst, als auf Edith Kurps Anstoß hin die örtliche Presse recherchierte, kam heraus, dass die Verstorbene im Kühlraum eines Friedhofs lag und noch nicht bestattet worden war, weil offenbar Unterlagen fehlten. Die Nachbarn schüttelten den Kopf und mit ihnen ganz Hamburg. Aufgerüttelt durch die Berichterstattung nahm inzwischen die ganze Stadt Anteil.

 

Es vergingen weitere Wochen, bis endlich das Testament verlesen wurde. Gertrud Peemöller hatte die SOS-Kinderdörfer weltweit als Erben eingesetzt. Sie wünschte sich, im Familiengrab, bei ihren Eltern und ihrer Tochter, beigesetzt zu werden. An einem regnerischen Junitag wurde Gertrud Peemöller verabschiedet - so, wie sie es wollte. Kerzen leuchteten und Rosen schmückten die Urne, während der Grabredner behutsam seine Worte sprach. Im Beisein ihrer Nachbarinnen wurde Gertrud Peemöller zur letzten Ruhe getragen. Endlich Frieden! Edith Kurp ist dankbar: "Das vergesse ich den SOS-Kinderdörfern nie!"