Seine Spuren finden sich in jedem SOS-Kind

SOS-Präsident Helmut Kutin in Erinnerung an Hermann Gmeiner

Am 26. April 1986 starb Hermann Gmeiner. Das Gedenken an ihn ist für die SOS-Kinderdörfer Anlass zur Erinnerung, aber auch Anlass zu fragen, wo die Spuren seines Denkens und Handelns heute zu finden sind und ob seine Vision einer kinderfreundlichen Welt in der Gegenwart noch lebendig ist. Gedanken von SOS-Präsident Helmut Kutin.


Hermann Gmeiner (l.) und Helmut Kutin - Fotos: SOS
Hermann Gmeiner (1919 - 1986) gehörte zu jenen seltenen Menschen, die eine Vision nicht nur im Geist mit sich tragen, sondern sie ganz konkret im Leben verwirklichen. Und es war nicht irgendeine Vision, die ihn den Großteil seines Lebens antrieb. Er wollte, dass Kinder, die nicht angenommen sind, angenommen werden, als wären es die eigenen; dass Kinder, die keinen Ort haben, beheimatet werden; dass Kinder, die keine Wurzeln haben, verankert werden - und dass sie später auf eigenen Beinen stehen können.

 

Der Vater der Kinderdörfer mit zwei österreichischen SOS-Kindern
Der Vater der Kinderdörfer mit zwei österreichischen SOS-Kindern
Hermann Gmeiner hat den Alptraum des Zweiten Weltkriegs überlebt, und er hat als Kind früh seine Mutter verloren. Zwei Ereignisse, die nicht zwingend einen positiven Menschen aus ihm machen mussten. Doch beide Erfahrungen, jede für sich lebensbedrohlich, haben ihn zum Kern der menschlichen Existenz geführt, zur Frage nach unserem Menschsein und unserer Menschlichkeit. Das, was er selbst als Kind, und das, was er am Schicksal der Kinder im und nach dem Krieg erleben musste, gründete in ihm den tiefen Glauben, dass das einzige Mittel gegen Inhumanität das Mitgefühl und die Mitverantwortung für den anderen sein kann. Und wo beginnt dieses Füreinander, wenn nicht beim Kind? Hermann Gmeiners Vision hat ein zeitloses, unerschütterbares Fundament: Nur ein geliebtes Kind kann ein liebender Erwachsener werden. Dieser einfache Glaubenssatz, der alle Religionen eint und keine Grenzen kennt, hat kein Ablaufdatum.

 


Er brachte in den Menschen etwas zum Schwingen, was sie dazu bewegte, mitzuhelfen: Hermann Gmeiner
Hermann Gmeiners besondere Gabe war, dass er eine tiefe Spiritualität mit einem besonderen Sinn für das Machbare verband, dass er zugleich ein begnadeter Pragmatiker und von großer Innerlichkeit war, dass er in den Menschen etwas zum Schwingen bringen konnte, was sie dazu bewegte, mitzuhelfen - bis heute.

Und seine besondere Leistung war, das universale Recht auf Familie für jedes Kind in Anspruch zu nehmen - und wenn es diese Sicherheit, den Schutz, die Liebe und Aufmerksamkeit in seiner Herkunftsfamilie nicht bekommen kann, dann muss ein möglichst familiennahes Umfeld diese Aufgabe wahrnehmen. Für die Schaffung dieses familiären Umfeldes für verlassene Kinder - das mit den Jahren zum SOS-Kinderdorf kristallisierte - hat er sein ganzes Leben hergegeben, hat bis zur Selbsterschöpfung die Gesellschaft zur Mitverantwortung gebeten, hat gemahnt, gezweifelt und ermutigt und mit großer persönlicher Betroffenheit bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen wahrgenommen.

 

Nur ein geliebtes Kind kann ein liebender Erwachsener werden: Hermann Gmeiner und ein philippinisches SOS-Kind
Nur ein geliebtes Kind kann ein liebender Erwachsener werden: Hermann Gmeiner und ein philippinisches SOS-Kind
Aber auch in schweren Zeiten, bei aller Kritik, die Hermann Gmeiner entgegengebracht wurde, bei allen Stärken und Schwächen, die ihn ausmachten, war für den Bauernsohn aus Alberschwende, der einst Kinderarzt werden wollte, die Frage, wie Kinder aufwachsen, die Kardinalfrage jeder Gesellschaft. Und er versuchte, auf diese Frage eine bestmögliche Antwort zu geben. Seine Antwort war das SOS-Kinderdorf - das bis zum heutigen Tag besteht, wächst, sich mit der Zeit zwar verändert hat und verändert, aber im Kern das ist, was Hermann Gmeiner gewollt hat: Ein Platz, wo jedes Kind geliebt ist, so, wie es ist, so, wie es da ist. Eine zeitlose Notwendigkeit.

Hermann Gmeiner war ein ganz Großer, der sich für die Kleinen stark machte. Seine Spuren finden sich in jedem Kind, das in einem SOS-Kinderdorf groß werden konnte und groß werden wird. Dafür bin ich ihm zutiefst dankbar.

Helmut Kutin
Präsident der SOS-Kinderdörfer