Essay: Wirksamkeit

Von Zahlen und dem, was wirklich zählt

Von Hilfswerken wird immer öfter die Dokumentation ihrer Wirkung verlangt. Der Mensch und seine Werte geraten dabei aus dem Blick.

Von Dr. Wilfried Vyslozil

Eigentlich haben wir gar nicht so schlecht abgeschnitten: In einem jüngst auf Spiegel online veröffentlichten Ranking von großen in Deutschland ansässigen Hilfswerken erhielten die SOS-Kinderdörfer weltweit 4,17 von fünf möglichen Sternen und landeten damit ziemlich weit vorne. Trotzdem sind solche Listen ärgerlich. Sie reduzieren die unterschiedlichste Arbeit – von denen jede für sich äußerst komplex ist – auf eine simple Kennzahl, die Vergleichbarkeit unterstellt und Empfehlungscharakter hat: je mehr Sterne, desto besser wird deine Spende eingesetzt.

Der jährlich fast fünf Milliarden Euro schwere deutsche Spendenmarkt ist hart umkämpft und eben deshalb muss jede spendengestützte Organisation Wert darauf legen, in solchen Listen weit oben zu landen. Das erwähnte Fünf-Sterne-Ranking wurde auf einem der meistgelesenen deutschen Nachrichtenportale veröffentlicht, da kann eine gute Platzierung viel Geld wert sein.


Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstand der SOS-Kinderdörfer weltweit, bei einem Projektbesuch in einem äthiopischen SOS-Kinderdorf. Foto: Patrick WIttmann

Aber was wurde eigentlich gemessen? Man muss schon die hinter der Liste stehende Studie lesen, um das zu erfahren: Bewertet wird die Dokumentation der Wirkung, die angeblich mit den eingesetzten Spenden erzielt worden ist. Das vom Bertelsmann-Konzern gegründete Analyse- und Beratungshaus Phineo weist in dieser Studie darauf hin, dass lediglich die Darstellung der Wirkung auf den Internet-Auftritten der Hilfsorganisationen untersucht worden sei, nicht die tatsächliche Arbeit. Anders gesagt: Wer gut klappert, schneidet gut ab, ganz unabhängig davon, was er tut oder nicht tut und wie erfolgreich er damit ist.

Dem schnellen digitalen Leser solcher Ranking-Listen bleiben derartige Feinheiten verschlossen. Was hängen bleibt, ist das neue Zauberwort aus der Welt der Hilfsorganisationen: "Wirkung", verbunden mit einer Reihenfolge von den angeblich besten bis hin zu dem Anschein nach weniger vertrauenswürdigen Institutionen.

Es ist eine bare Selbstverständlichkeit: Spender wollen, dass mit dem Geld, das sie Hilfsorganisationen zur Verfügung stellen, bei den jeweiligen Bedürftigen positive Wirkungen erzielt werden. Das ist nicht das Problem, das wollen wir auch.

Problematisch wird es dann, wenn diese Wirkung quantitativ gemessen werden soll. Immer mehr institutionelle Geldgeber und auch private Philanthropen verlangen einen Wirkungsnachweis durch vereinfachende Indikatoren mit bunten Torten- und Balkendiagrammen. Und große internationale Hilfsorganisationen, die meist in den USA und der dortigen Unternehmenskultur entstanden sind, erbringen den auch. Man nennt das dann "Social Return of Investment" oder kurz "SROI", ganz in der Sprache von Wirtschaftsmanagern, die vierteljährlich ihre Zahlen vorlegen. In Wirklichkeit werden hier aber Äpfel mit Birnen, manchmal sogar mit Tomaten verglichen.

Hiesigen Hilfsorganisationen bereitet das neue Zauberwort eher Kopfzerbrechen – und doch unterwerfen sie sich dem dahinter stehenden Diktat. Wir alle leiden unter der sogenannten Unicef-Angst: Als 2008 dem deutschen Unicef-Verein Verschwendung von Spendengeldern vorgeworfen und ihm ein wichtiges Zertifikat-Siegel entzogen worden war, sind die Spendeneinnahmen um rund zwanzig Prozent eingebrochen. Seither lassen wir uns von jeder neuen Sau verunsichern, die durchs entwicklungspolitische Dorf getrieben wird. Und die neueste ist die "Wirkungsmessung".

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die SOS-Kinderdörfer weltweit stehen ein für absolute Transparenz. Wir wissen, was mit jedem gespendeten Euro passiert und legen das auch gerne offen. Genaue Evaluierung und detaillierte Reflexion unserer Programme sind uns schon aus eigenen Beweggründen wichtig: Sie verbessern nachhaltig unsere Arbeit und zeigen zudem den Begünstigten auf, wie viel sie schon erreicht und wie sich ihr Leben dadurch verbessert hat. Das stärkt Selbstvertrauen und Eigeninitiative.

Und natürlich wollen wir auch wissen, wie unsere Kinderdorfkinder und Teilnehmer an unseren Familienstärkungsprogrammen später in ihrem Leben zurechtkommen. In Österreich und Deutschland führt man deshalb periodisch Befragungen von Kindern und Jugendlichen durch, die in unseren Einrichtungen betreut wurden. Welche Herausforderungen haben sie und wie können wir künftig mit unserer Betreuung diesen möglichst gerecht werden? Zusätzlich läuft – gemeinsam mit örtlichen Hochschulen – in insgesamt sechzig Ländern das Programm "Tracking Footprints", durch das die Erfahrungen von bislang 2406 ehemaligen SOS-Kindern ausgewertet werden.

So wissen wir viel über unsere ehemaligen Schützlinge und ich könnte Tage lang Erfolgsgeschichten erzählen: Vom Schusterleim schnüffelnden Straßenjungen in Manila, der heute am Steuer eines Airbus’ sitzt. Oder vom Mädchen, das von seiner verzweifelten bitterarmen Mutter in der Elfenbeinküste auf einem Markt ausgesetzt wurde und das heute als junge Frau in England studiert und Teil der Leichtathletik- Nationalmannschaft ist. Aber: Ist das vergleichbar oder gar quantifizierbar und in bunten Grafiken darstellbar?

Und was ist mit dem ehemaligen Kinderdorf-Mädchen, das heute als erwachsene Frau Fritten in einem Slum von Nairobi verkauft, um sich und ihre Tochter durchs Leben zu bringen. War die Investition in sie herausgeschmissenes Spendengeld? Oder mit dem jungen Ecuadorianer, dessen Mutter früh starb und dessen Vater Alkoholiker war. Er hat sich unter unserer Obhut gut entwickelt – bis er bei einem Badeunfall vom Hals hinunter gelähmt wurde. Danach waren von ihm eigentlich keine "Wirkungen" mehr zu erwarten.

Aber Menschen sind eben keine Automaten, in die man Geld wirft und dann tun sie schon das, was man von ihnen erwartet. Und größere Gruppen oder gar Länder sind es erst recht nicht. In der entwicklungspolitischen Debatte ist längst klar, dass wir als Hilfsorganisationen an sogenannten Transformationsprozessen beteiligt sind, die von sehr vielen Faktoren und nicht selten auch Zufällen beeinflusst werden.

Sicher: Wir brauchen ein Ziel und einen Kompass auf dem Weg dorthin. Aber wir müssen ständig nachbessern, neue Entscheidungen treffen, Umwege gehen und zuweilen auch unsere Ziele ganz neu überdenken. "Wirkungen" unserer Anstrengungen, die nach einem, zwei oder auch fünf Jahren erhoben und wie auch immer gemessen werden, sagen da manchmal gar nichts. Wir kümmern uns fünfzehn Jahre oder noch länger um die uns anvertrauten Kinder und ob wir damit erfolgreich waren, zeigt sich oft noch viel später. Der Junge mit der Querschnittslähmung braucht bis heute Hilfe. Aber er ist Psychologie-Dozent an der Universität in Quito.

Ist das nicht ein Erfolg? Ganz sicher. Aber viel schwerer wiegt, dass er nie aufgegeben hat. Und dass er trotz aller Schicksalsschläge lachen kann. Wenn wir Jugendliche in armen Ländern danach fragen, was wichtig ist für sie, kommt in den allerwenigsten Fällen "Geld" als Antwort. Sie sprechen von Selbstbewusstsein, von Zufriedenheit, von Glück.

Die Frau, die im Slum Fritten verkauft, sagt zwar, sie wolle es irgendwann in eine bessere Gegend schaffen, aber sie sei doch zufrieden in ihrem Leben. Was sie tue sei sinnvoll und sogar schön und helfe mit, ihrer Tochter eine ordentliche Schulbildung zukommen zu lassen. Und darum geht es doch letztlich bei aller sozialen Arbeit: um Inklusion, um Teilhabe, um Lebensqualität, um Glück. Das sind Werte an sich, weder messbar, noch untereinander vergleichbar. Man kann sie nur spüren.

Wir wollen, dass die Menschen, mit denen wir zu tun haben, das spüren. Dafür arbeiten wir. Das motiviert uns viel mehr als jede Kennziffer – und hoffentlich auch unsere Spender. Sie sollen uns vertrauen, so, wie sie als kritischer Patient auch ihrem Arzt vertrauen. Wir wissen, was wir tun. Wir sind ausgebildet für unsere Arbeit und wir bilden unsere Mitarbeiter nach bestem Wissen und Gewissen aus.

Kenn- und Messzahlen sind wichtig für unsere tagtägliche Arbeit. Aber man muss sich auch darüber klar sein, wie wenig aussagekräftig eine standardisierte Wirkungsmessung über lange Zeiträume sein kann.

Also schielen wir besser nicht ausschließlich auf Wirkungsmessung, Kennziffern, Sterne und die daraus resultierenden Rankings und widmen uns stattdessen dem Wesentlichen: den Menschen. "Was wir brauchen, ist eine Werterenaissance im Sozialen: Mehr Mensch und mehr Werte statt Mehrwert", schreibt Ulrich Schneider in seinem Buch "Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen". Dem kann ich nur zustimmen.

Dieser Essay wurde im Jahresbericht 2014 der SOS-Kinderdörfer weltweit veröffentlicht.