Flüchtlingskinder in Gefahr: Hungrig und verlassen

Interview mit der Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Serbien über die Lage von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

10.09.2015, Belgrad/München - Tausende Flüchtlinge kommen täglich in Serbien und Mazedonien an. Sie wollen später über Ungarn in die EU einreisen und von dort aus weiter nach Deutschland. Die Menschen sind erschöpft von den Strapazen ihrer Flucht. Die SOS-Kinderdörfer versorgen vor Ort Flüchtlinge mit dem Nötigsten. Vesna Mrakovic-Jokanovic ist Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Serbien. Im Interview berichtet sie, dass vor allem Kinder auf der Flucht vielen Gefahren wie Entführung, Gewalt, Missbrauch und Menschenhandel ausgesetzt sind.

Frau Mrakovic-Jokanovic, es kommen alleine in Serbien täglich etwa 3000 Flüchtlinge an. Wie ist die aktuelle Lage vor Ort?
Viele Flüchtlinge sind völlig erschöpft, verzweifelt und am Ende. Sie sind seit Wochen unterwegs, haben alles auf eine Karte gesetzt für ein besseres Leben. Auf der Flucht haben sie schlimme Sachen erlebt. Viele sind krank, traumatisiert oder haben Verletzungen an den Füßen. Auch hochschwangere Frauen sind unter den Flüchtlingen. Vor allem der Anteil der Kinder steigt ständig. Bei ihnen lassen die Kräfte besonders nach. Die Kinder, die ich täglich sehe, sind unterernährt, geschwächt und haben zu wenig getrunken. Viele haben Fieber oder Durchfall. Da fast alle Flüchtlinge weiter nach Ungarn wollen, schlafen z.B. hunderte Flüchtlinge in der Nähe des Busbahnhofs. Dort spielen sich dramatische Szenen ab. Sie warten stundenlang in der prallen Sonne, ohne Wasser. Es gibt nur wenig Schatten und keine Toiletten. Wir versorgen die Flüchtlinge dort mit dem Notwendigsten und verteilen vor allem Lebensmittel, Babynahrung, Windeln, Decken und Regenjacken.

SOS-Mitarbeiter haben berichtet, dass viele Kinder auch alleine auf der Flucht sind. Welchen Gefahren sind diese Kinder ausgesetzt?
Eltern schicken ihre Kinder zum einen vor, wenn das Geld für die Schleuser nicht für die gesamte Familie reicht. Wir haben aber auch erlebt, dass Eltern sich unterwegs von ihren Kindern trennen, weil sie mit diesen zu langsam vorankamen. Später wollen sie ihre Kinder dann nachholen. Außerdem denken viele, dass es leichter ist, einzeln über die ungarische Grenze zu kommen. Menschenhändler haben dann oft leichtes Spiel. Sie haben es besonders auf junge Mädchen abgesehen. Wir bekommen auch immer wieder mit, dass Kinder ausgeraubt und brutal geschlagen werden. Deswegen hat SOS in einigen Flüchtlingsunterkünften sichere Orte eingerichtet, in denen die Kinder betreut und beschützt werden.

Ungarn fährt weiter eine harte Linie gegenüber Flüchtlingen. Die Grenze wurde eingezäunt und wird schwer bewacht. Ein neues härteres Asylgesetz wurde außerdem verabschiedet. Werden davon die Flüchtlinge abgeschreckt?
Die Nachricht vom Zaun hat viele verunsichert. Viele bekommen von Verwandten, die bereits in Ungarn sind, Tipps, wie die Flucht über die ungarische Grenze klappt. Deswegen wollen es weiterhin auch viele versuchen. Zurzeit bleiben die meisten Flüchtlinge im Schnitt nur zwei bis drei Tage in Serbien. Sollte Ungarn die Maßnahmen allerdings weiter verschärfen, müssten die Flüchtlinge sich auf einen längeren Aufenthalt in Serbien einrichten. Das würde verstärkt zu überfüllten Flüchtlingsunterkünften führen und noch mehr Menschen, die draußen schlafen müssen. Das wird besonders bald im Winter ein Problem. Wir hoffen alle, dass sich die Situation bald entspannt. Trotzdem planen wir schon für den Ernstfall im Winter.

München,  10.9.2015

Für Interviews stehen die SOS-Mitarbeiter in Mazedonien und Serbien gerne zur Verfügung.

Weitere Informationen und Interviewanfragen richten Sie bitte an:

Louay Yassin
Pressesprecher
SOS-Kinderdörfer weltweit
Tel.: 089/179 14-259
E-Mail: louay.yassin@sos-kd.org
http://www.sos-kinderdoerfer.de/news/fluechtlingskrise