Ukraine: "Die Zukunft sieht düster aus" / Familien zerbrechen. Kinder verlieren Zuhause.

Interview mit dem Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine, Andriy Chuprikov.

16.03.15, München / Lugansk - Der Krieg in der Ukraine hat eine tiefgreifende Wirtschaftskrise ausgelöst. Der Wert der Landeswährung (Hryvnia) ist im vergangenen Jahr um 400 Prozent gefallen. Andriy Chuprikov, der Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine, schildert im Interview, was das für die Menschen bedeutet.

Welche Auswirkungen hat der massive Absturz der Landeswährung?

Andriy Chuprikov: "Alle Preise sind extrem gestiegen, weil sie vom Ölpreis abhängen, der an den Dollar gekoppelt ist. Der Import vieler Güter aus Russland wurde gestoppt. Alles, was jetzt aus Europa kommt, kostet viel mehr. Vor allem Medizin ist sehr teuer – was für die Betroffenen ein großes Problem darstellt. Wir sind ärmer geworden. Der Mindestlohn und die Renten liegen weiterhin bei 1300 Hryvnia (37 Euro). Auch Familien mit dem Durchschnittseinkommen von 3700 Hryvnia (105 Euro) treibt die Inflation von rund 25 Prozent in den Ruin. Dazu kommt die hohe Arbeitslosigkeit, die Tausende Familien in die Armut treibt."

Wie überleben die Menschen mit 37 Euro im Monat?

Andriy Chuprikov: "Ich weiß es nicht. Davon kann ein Rentner nur die Kosten für Heizung, Wasser, Strom und Gas bezahlen. Doch die Menschen brauchen auch zu essen – dafür bleibt fast nichts übrig. Die Kriminalität steigt. Aus Verzweiflung stehlen die Menschen. Oder sie prostituieren sich. Und sie betteln. Vor allem vor Supermärkten. Sie fragen nach Essen, nicht nach Geld. Ich habe mehrmals geholfen, ihnen Brot und Wurst gegeben. Bezahlte Arbeit gibt es fast nicht.“"

Wie gehen Ihre Landsleute mit diesen Problemen um?

Andriy Chuprikov: "Die ganze Situation führt zu großem Stress für alle. Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Nicht einmal, was am nächsten Tag passiert. Dazu kommt, dass viele Ehemänner und Väter getötet wurden. Diejenigen, die während des Krieges Furchtbares erlebt haben, sind oft traumatisiert. Sie leiden unter Erschöpfungszuständen, Gedächtnisproblemen, Depressionen und zum Teil auch unter Schwindel, Erbrechen, Lähmungen sowie Haar- und Zahnausfall. Sie können ihre schrecklichen Erfahrungen nicht verarbeiten. Oft kommt es in der Folge dann zu häuslicher Gewalt. Familien zerbrechen daran."

Welche Erwartungen an die Zukunft haben Sie?

Andriy Chuprikov: "Die Zukunft sieht düster aus. Vor uns liegen schwere Zeiten. Über eine Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht. Sie leben unter extrem schlechten Bedingungen und haben weder Geld noch eine Perspektive, um ihre Lage zu verbessern. Die Zahl der Familien mit massiven Problemen explodiert. Immer mehr Kinder verlieren die Fürsorge ihrer Eltern und brauchen ein neues Zuhause. Die SOS-Kinderdörfer werden ihre Projekte in Lugansk und Kiew ausbauen und noch mehr Familien mit Essen, Medizin, Decken, Kleidung und Schulmaterial unterstützen. In Zusammenarbeit mit UNICEF planen wir gerade die Erweiterung von vier Sozialzentren in und um Lugansk, um 1000 weiteren Flüchtlingen und einheimischen Familien in Not helfen zu können."

Weitere Informationen:
Louay Yassin
Pressesprecher
SOS-Kinderdörfer weltweit
Ridlerstr. 55, 80339 München
louay.yassin@sos-kd.org
089/17914-259