Verschollen im Chaos / Zum Jahrestag des Erdbebens in Haiti

Der kleine Adems Octave ging nach dem Erdbeben in Haiti verloren, seine Familie fand ihn erst ein halbes Jahr später wieder / Schutz im SOS-Kinderdorf

04.01.11 - Was der kleine Adems Octave am 12. Januar 2010 erlebt hat, wird vielleicht niemand erfahren. Bis heute spricht er nicht darüber. Der heute Dreijährige, den alle „Samuel“ nennen, spielt zu Hause in Port-au-Prince mit seinem Zwillingsbruder David und seiner älteren Schwester Christie. Die Mutter ist um die Ecke Einkaufen, der Papa, ein Polizist, auf der Arbeit. Eine Tante hat ein Auge auf die Kinder.

Dann bebt die Erde. 35 Sekunden lang. Chaos. Schreie. Trümmer überall. Samuel und Christie sind verletzt. David liegt unter einer eingestürzten Mauer. Nur ein Fuß schaut noch heraus. Ein Nachbar bringt Samuel und Christie schnell ins Krankenhaus. „Die beiden wurden dort voneinander getrennt und Samuel kannte seinen Nachnamen noch nicht. Deswegen wusste keiner, wohin er gehört“, sagt Vater Emmanuel Octave heute. „Mir war klar, dass er noch lebt, aber ich konnte ihn nicht finden, es war zum Verzweifeln.“

Samuel wird nach der Behandlung seiner Wunden ans Rote Kreuz übergeben, das sich bis zur Genesung in einem Notlager um ihn kümmert. Im Mai kommt der Kleine dann ins SOS-Kinderdorf in Santo, einem Vorort von Port-au-Prince. Hier fanden nach dem Erdbeben bis zu 500 elternlose Kinder Schutz und Betreuung. Gut 300 dieser „Erdbeben-Waisen“ wohnen noch immer dort.

Im Juli dann entdeckt ihn seine Tante auf einem Foto, das Rote Kreuz hatte es an einer Wand gegenüber vom Nationaltheater aufgehängt. Dort hängen noch viele andere Fotos von Kindern, die von ihren Eltern getrennt wurden – von den Behörden wurden etwa 2000 unbegleitete Kinder registriert. Die faktische Zahl liegt aber vermutlich sehr viel höher.

Seither ist Samuel wieder zu Hause. Aber das Beben und die Zeit danach haben ihn geprägt. „Er ist hibbelig geworden“, sagt der Papa. Kann kaum einen Moment ruhig sitzen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihm sein Zwillingsbruder David fehlt. Der wurde von der Mauer erschlagen. Jede Hilfe kam zu spät. Vielleicht hat Samuel es gesehen, sie waren nie weit voneinander entfernt. „Er starb ohne zu leiden“, sagt Papa Octave, in seiner Stimmung klingt Hoffnung mit, die sich gegen alle Zweifel stemmt. Samuel sagt nichts dazu.

Mirco Lomoth

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Auch die Reportage „Der furchtbare Geruch des Todes“ über die aktuelle Lage in Haiti (inklusive Bilder) stehen dort zum Download bereit.
Außerdem bieten wir ein Life-Interview mit unserem Haiti-Sonderbeauftragten Georg Willeit an.

München, 4.1.2011

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