Die Beschneidung von Frauen und Mädchen: Eine brutale Tradition

Interview: Ein Gynäkologe in Kenia kämpft gegen weibliche Genitalverstümmelung

Professor Guyo Jaldesa ist ein Gynäkologe und Geburtshelfer in Kenia mit über 25-jähriger Berufserfahrung. Er kennt die grausamen Konsequenzen von Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM), die Millionen von Frauen weltweit gezwungen werden, zu ertragen. Als Leiter der Initiative "Africa Coordination Centre for the Abandonment of Female Genital Mutilation/Cutting (ACCAF/C)" kämpft er dafür, FGM in Afrika zu beenden. Im Zuge dessen arbeitet Professor Guyo mit zahlreichen NGOs zusammen, um die Rechte von Mädchen und Frauen zu vertreten und zu beschützen. In diesem Interview mit den SOS-Kinderdörfern weltweit teilt Professor Guyo seine Ansichten über FGM.

Als Gynäkologe kennt er das Leid der Mädchen und Frauen, die beschnitten wurden: Professor Guyo aus Kenia. Foto: Anne Kahura

Ist FGM in Kenia weit verbreitet?

Leider ja! In bestimmten Gegenden des Landes, wie beispielsweise im Norden und Nordosten Kenias, ist es eine übliche und häufig durchgeführte Tradition. In Kisii, im Westen Kenias liegt die Anzahl der beschnittenen Frauen sogar bei etwa 90 Prozent.

Aber im Vergleich zu 1993, als der nationale Durschnitt noch bei 50 Prozent lag, ist FGM glücklicherweise stark zurückgegangen und liegt nun bei 21 Prozent. Aber er muss Null erreichen.

Welche Gründe gibt es für die Beschneidung von Mädchen?

Es gibt viele verschiedene Gründe - je nach Gemeinschaft und Kultur, in der die Mädchen leben. In Meru (Ost-Kenia) und in Teilen Zentral-Kenias ist FGM ein Ritual, das den Übergang vom Mädchen zur Frau manifestiert. In anderen Landesteilen ist es eine Tradition, die es einfach gibt und nie hinterfragt wurde. Man tut es einfach. Anderorts wiederum ist es ein religiöses Ritual. Es gehört aber zu keiner modernen Religion, sondern die Traditionellen sagen einfach, es sei ein Gebot ihrer Religion. Und dieses gebiete ihnen, FGM durchzuführen.

Wieder andere lassen FGM durchführen, um Heiratsfähigkeit zu garantieren. In einigen Gemeinden würde ein Mädchen nicht verheiratet werden können, wenn es nicht beschnitten ist. Und für das Mädchen, das verheiratet werden soll, ist FGM der Weg in ein besseres Leben. Denn nur durch die Hochzeit mit einem Mann kann sie Wohlstand erlangen.

Verursacht die Mädchenbeschneidung Schmerzen?

Und wie! FGM ist grauenhaft schmerzvoll. Es hat negativen Einfluss auf die Gesundheit der Mädchen und Frauen – und zwar von dem Moment der Beschneidung bis an ihr Lebensende! Die Prozedur ist nicht nur extrem schmerzhaft, sondern verursacht auch starke Blutungen und führt meist zu schweren Infektionen.


Beschneidung kann schwere körperliche Beeinträchtigungen mit sich bringen – z. B. beim Geschlechtsverkehr oder der Geburt. Gynäkologen behandeln häufig Frauen mit diesen Problemen. Foto:  Mariantonietta Peru

Einige Mädchen sind sogar an den Folgen von FGM gestorben. Aber selbst nachdem Schnittwunden verheilt sind, bleiben immer Komplikationen. Diese reichen von Schmerzen und Problemen beim Wasserlassen, Zysten sowie großen Schmerzen und Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr bis hin zu Problemen bei der Geburt des eigenen Kindes: Dem Baby kann zum Beispiel durch das vernarbte Gewebe der Weg versperrt werden. Das kann sowohl für den Säugling als auch die Mutter lebensbedrohlich werden.

Welche psychischen Auswirkungen hat FGM?

Die psychologische Tortur der Mädchen und Frauen ist ebenfalls enorm. Sie werden als Personen erniedrigt und zu einer niedrigeren Klasse Mensch herabgestuft. Das ist übrigens auch der Hauptgrund für FGM: Frauen werden dadurch als weniger wertvoll als Männer “gekennzeichnet”. Das fällt auch auf, wenn man sich die Gemeinden ansieht, in denen FGM praktiziert wird: Die Frauen werden als weniger wertvoll als die Männer angesehen.

Zusammengefasst: FGM hat negative Auswirkungen auf Körper und Seele der Mädchen. Es ist eine schmerzvolle Prozedur, die keinerlei positiven Effekt hat. Ganz im Gegenteil: Sie fügt den Frauen ausschließlich Leid zu.

Welche Form von FGM ist die gängigste in Kenia?

Es gibt verschiedenen Formen von FGM: In einigen Gegenden wird die Klitoris entfernt, in anderen zusätzlich noch die äußeren Schamlippen. Im Nordosten Kenias wird zudem noch die Vagina zugenäht, sodass am Ende die äußeren Genitalien komplett fehlen und nur noch ein winziges Loch für das Austreten von Urin und Menstruation bleibt. Man kann sagen, dass letztere die grausamste Form von FGM ist, aber auch alle anderen Varianten sind furchtbar und keine dürfte durchgeführt werden. Denn keine hat in irgendeiner Form irgendeinen Sinn. FGM fügt den Frauen IMMER ausschließlich Schaden zu!

Wie wird die Blutung nach dem Abschneiden der Genitalien gestoppt?

Das wird je nach Kulturkreis unterschiedlich gehandhabt: Es kommt vor, dass es nicht gelingt, die Blutung zu stoppen und das Mädchen verblutet und stirbt. Das geschieht eigentlich jedes Jahr in den Schulferien, wenn die meisten Mädchen dieses Ritual über sich ergehen lassen müssen.

Natürlich wird versucht, die Blutung mit Kräutern oder ähnlichen Pflanzen zu stoppen. Aber die Arterien, die den Genitalien Blut zuführen, vor allem die Klitoris-Arterie, können extrem bluten, wenn sie durchtrennt werden. Wer nicht zu den Glücklichen gehört, dass die Blutgerinnung den großen Blutverlust automatisch stoppt, kann ganz leicht daran sterben.

Können Frauen, die beschnitten wurden, danach jemals wieder ein normales Leben führen?

Wenn die Frau den Eingriff überlebt hat und die Wunden verheilt sind, kann sie zwar weiterleben, aber nie wie eine ganz normale Frau. Denn sie wird neben den psychologischen Folgen auch immer körperliche Beeinträchtigungen haben: beim Geschlechtsverkehr oder der Geburt ihres Kindes.

Diese wird nicht nur von vielen Schmerzen, Schreien, Tränen und jeder Menge Blut begleitet werden, sondern kann auch dem Baby Schaden zufügen: der Muttermund kann sich unzureichend öffnen, sodass das Baby Probleme bekommt, den Mutterleib zu verlassen. Dies kann beispielsweise zu Verletzungen am Kopf des Kindes führen und sogar Gehirnschäden zur Folge haben.

Wird FGM durch Ignoranz und Armut begünstigt?

Einer der wichtigsten Faktoren im Kampf gegen FGM ist das Empowerment der Frauen – zum Beispiel durch Bildung. Erst, wenn sie unabhängig sind und auf eigenen Füßen stehen, können sie sich gegen FGM und andere körperliche Vergehen gegen sie wehren. Aber solange die Frauen abhängig von Männern sind, zum Beispiel weil sie arm sind und keine Bildung haben, sind sie an dieses kulturelle Ritual gefesselt.

Frauen mit Bildung, Arbeit und eigenem Einkommen können hingegen Nein sagen zu FGM, weil sie nicht auf ihre “Heiratsfähigkeit” bauen müssen, um zu überleben.

Und wenn eine beschnittene Frau aufgeklärt wird, kann sie zumindest dafür sorgen, dass ihre eigenen Töchter nicht dasselbe durchmachen müssen, und die Beschneidung verhindern. Aber in den meisten ländlichen Gegenden gibt es für die Frauen immer noch nur einen einzigen Weg aus der Armut: Heirat. Und der potenzielle Ehemann erwartet, dass seine Zukünftige beschnitten ist. Ansonsten heiratet er sie nicht. Deshalb lautet die Million-Dollar-Frage: Wie empowern wir Frauen?

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