Geschwister: Einfach füreinander da sein!

Traumatherapeut: Wie sich Brüder und Schwestern Halt geben

Vor allem in Krisenzeiten brauchen SOS-Kinder die Liebe und Beständigkeit ihrer Mutter und ihrer Geschwister. Wie sich Geschwister gegenseitig Halt und Kraft geben können, davon erzählt Paul Boyle in diesem sehr persönlichen Bericht. Er ist Traumatherapeut bei den SOS-Kinderdörfern weltweit.

Paul Boyle, Traumatherapeut bei den SOS-Kinderdörfern weltweit, das Foto zeigt ihn während der SOS-Nothilfe für Flüchtlinge in Mazedonien - Foto: Katerina Ilievska

Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Diese Fragen stellen sich Jungen und Mädchen im SOS-Kinderdorf immer wieder, besonders im Alter von etwa sieben Jahren und später noch einmal, wenn sie etwa 16 sind.

Mit sieben Jahren wird vielen Kindern zum ersten Mal deutlich bewusst, dass ihre SOS-Mutter nicht ihre leibliche Mutter ist und dass ihre Geschwister aus unterschiedlichen Familien stammen. Oft haben sie bis dahin ein ziemlich normales Leben geführt, jetzt geraten manche in eine Krise.

Was die Kinder jetzt brauchen, ist Liebe und Geduld.

Ganz wichtig ist ihre SOS-Mutter, aber auch den Geschwistern kommt besondere Bedeutung zu. Nicht so sehr durch das, was sie tun, sondern einfach durch ihr Dasein. Sie spielen, lachen, streiten, trösten, kennen sich in- und auswendig. Es ist diese Verlässlichkeit, die die Kinder brauchen.

Im Alter von 16 geraten viele Kinder in eine weitere Krise, die oft noch tiefer geht. Wenn möglich, versuchen die SOS-Kinderdörfer den Kontakt zur leiblichen Familie über die Jahre zu halten. Am schwierigsten ist die Situation jetzt für diejenigen Kinder, die keine Familie mehr haben.

Den Geschwistern kommt besondere Bedeutung zu

Vor einigen Jahren begegnete ich in einem SOS-Kinderdorf in Ostafrika einem 16-jährigen Mädchen, dem es sehr schlecht ging. Sie war von klein auf im Kinderdorf aufgewachsen, hatte eine wunderbare SOS-Familie, gute Freunde.

Aber da war diese Frage: Wieso bin ich hierher gekommen? Schließlich erzählte ihre SOS-Mutter ihr, was sie gehofft hatte, nie erzählen zu müssen: dass sie in einem Mülleimer gefunden worden war. Das Mädchen war verzweifelt: Warum hat meine leibliche Mutter das getan? Bin ich Müll?


Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Diese Fragen stellen sich Jungen und Mädchen im SOS-Kinderdorf immer wieder. Foto: Christian Martinelli

Ich hörte ihr lange zu. Wir haben dann viel Zeit miteinander verbracht und darüber gesprochen, dass man die Vergangenheit nicht ändern kann, aber dass es sich lohnt, auch all das zu sehen, was das Leben einem gegeben hat. Ihr Reichtum wurde ihr bewusst: Die Chancen, die sie im Leben hatte, ihre Mutter, die sie liebte, ihre Geschwister, die immer an ihrer Seite waren.

Brüder und Schwestern geben sich gegenseitig Kraft

Darum geht es uns! Die Jungen und Mädchen im SOS-Kinderdorf müssen nicht auf irgendeine Art herausragen oder Karriere machen, sondern werden dabei unterstützt, ihren eigenen Weg finden. Gelingt dies, so geben sie sich auch gegenseitig Halt und Kraft, als Bruder, als Schwester.
 

Paul Boyle