Waisenkinder - Teil 4

Extreme Benachteiligung von Waisenkindern

 


Neben den zahlreichen unmittelbaren und zukünftigen Risiken, denen Waisen ausgesetzt sind, werden sie oft zudem noch stigmatisiert, diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt - Foto: Georg Willeit
Das exponierte, de facto lebensgefährliche Leben auf der Straße ist die letzte Station eines Kindes, das nicht in seiner Herkunftsfamilie leben kann. Aber auch Kinder ohne biologische Familie, die in irgendeiner Form betreut werden, leben in dem Risiko, weitaus geringere Möglichkeiten für eine gesunde Entwicklung und ein förderliches Umfeld zu haben als ihre Altersgenossen mit Familie. Das Bedrohungsspektrum ist groß und reicht von extremer Benachteiligung (unzureichender Zugang zu Bildung, zu medizinischer Versorgung, zu ausgewogener Ernährung etc.) über gesellschaftliche Stigmatisierung und Marginalisierung bis hin zur Tatsache, dass der Verlust der Familie grundsätzlich ein schweres Trauma darstellt, das einen Menschen ein Leben lang begleitet - und unter Umständen schwer beeinträchtigt, wenn er im Kindesalter keine Hilfestellung bei der Bewältigung erfahren hat. Waisenkinder erleiden nachweislich massive Formen der Diskriminierung, sei es, dass ihnen das Erbe vorenthalten wird und ihnen z.B. innerhalb der erweiterten Familie leibliche Kinder der Ersatzeltern vorgezogen werden, sei es, dass sie Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch erleiden müssen , dass über ihr Schicksal entschieden wird ohne irgendeine Möglichkeit der Mitsprache, sei es, dass sie beschränkte Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten vorfinden, sei es, dass sie wie im Fall von minderjährigen Mädchen in Nepal früher verheiratet werden, sei es, dass sie mit Erreichen der Volljährigkeit aus der Betreuung entlassen werden und nicht wissen wohin.

 

Das Stigma des Verlassenseins

 


In vielen Fällen ist das Klischee vom Waisenkind, das zum Scheitern verurteilt ist eine Prophezeiung, die sich selbst erfüllt - Foto: K. Iievska
An Waisenkindern haftet der Nimbus des Unglücks, auch wenn viele Menschen für verwaiste und verlassene Kinder tiefes Mitgefühl empfinden und auch den Wunsch, etwas für sie tun. Die Lebensrealitäten vieler Millionen Kinder ohne elterliche Betreuung bleiben davon allerdings unberührt. Die gesellschaftliche Wahrnehmung und Stereotype, dass Waisenkinder es zu nichts bringen und ihr Leben nicht bewältigen werden, wirken sich fatal auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die schwächsten Mitglieder aus. Das kann extreme Formen annehmen wie in Nepal, wo Kindern manchmal die Schuld am Tod der Eltern gegeben wird, oder weniger auffällige wie in der grundsätzlichen Haltung, der Staat müsse sich kümmern.

 

Mangelnde Hinwendung, inadäquate Fürsorge, Ignoranz und Diskriminierung können auf dramatische Weise das Trauma von Waisenkindern intensivieren und letztlich dafür sorgen, dass sie es wirklich nicht schaffen.

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