"Wir hören auf die innere Stimme der Kinder"

Der SOS-Fotowettbewerb steht unter dem Motto "Bindung und Bildung"

Was bedeutet Bildung und welche Schwerpunkte setzen die SOS-Kinderdörfer weltweit? Der ganzheitliche Ansatz der SOS-Kinderdörfer zum Lernen und zur Erziehung umfasst alle Dimensionen des Kindeswohls. Lesen Sie dazu ein Interview mit Dr. Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit.
Dr. Wilfried Vyslozil (Vorstandsvorsitzenden der SOS-Kinderdörfer weltweit) im Gespräch mit Jugendlichen in Äthiopien. Foto: Patrick Wittmann

Herr Dr. Vyslozil, wie gehen die SOS-Kinderdörfer mit dem Thema Bildung um?
Bildung beginnt bei den SOS-Kinderdörfern nicht erst im Kindergarten- oder Schulalter. Unser Bildungsbegriff setzt viel grundlegender an, und zwar bei der Bindung.
 
Was hat Bindung mit Bildung zu tun?
Kinder, die in Sicherheit und Geborgenheit aufwachsen, eine stabile Bindung zu einer Bezugsperson haben, haben den Kopf frei für Spiele, Geschichten, Freundschaften, Feste. Sie lernen Fragen zu stellen, Ideen zu entwickeln. Sie haben jemanden, der ihnen zuhört, sich für ihre Fragen und Themen interessiert. Familien-Rituale geben ihnen Stabilität. Wir sorgen dafür, dass Kinder Sicherheit spüren, Selbstvertrauen entwickeln. Dies ist die Grundlage für späteren Schulerfolg.
 
Das heißt, die Familie kommt zuerst und dann die Schule?
Genau. Deshalb setzen wir auch auf Erwachsenenbildung und darauf, Eltern zu stärken, damit sie ihren Kindern ein gutes Umfeld schaffen können. Wenn Eltern einen guten Job haben und ein sicheres Einkommen, können sie ihre Kinder besser fördern.
Unsere Familienprogramme zielen immer darauf ab, dass die Kinder ihre Talente, ihr Potential entfalten können. Dazu gehört natürlich auch, dass sie eine Schule besuchen können.

"Bindung und Bildung" - der ganzheitliche Ansatz der SOS-Kinderdörfer kommt auch den Kindern der SOS-Schule in Battambang (Kambodscha) zu Gute. Foto: Jens Honore

Welche Maßnahmen ergreifen die SOS-Kinderdörfer noch?

Wir setzen bei unserem Bildungsprogramm auf drei Säulen: Zuerst, und das ist das wichtigste, bauen wir zu den Kindern eine Bindung auf, noch bevor sie eine Schule oder den Kindergarten besuchen. Die zweite Säule ist die Schulbildung, die Berufsausbildung für Jugendliche und schließlich die dritte Säule: die Erwachsenenbildung in unseren Familienprogrammen.
 
Trotzdem noch einmal zur Schulbildung: Was leisten die SOS-Schulen?
Die SOS-Schulen haben weltweit einen ausgezeichneten Ruf: Wir beschäftigen gut ausgebildete Lehrer, die sehr engagiert sind. Sie machen regelmäßig Fortbildungen, begegnen den Kindern auf Augenhöhe.
 
Und was tun Sie für Jugendliche?
Wir betreiben weltweit Berufsausbildungszentren für Elektriker, Logistiker, Tischler etc. und arbeiten mit Firmen vor Ort zusammen. Viele Jugendliche haben bereits eine Reihe Jobangebote, noch bevor sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben.
 
Was erhoffen Sie sich von diesen Bildungsmaßnahmen?
Wir erreichen damit langfristig eine Stabilisierung der Gesellschaften. Kinder werden Jugendliche und Jugendliche werden Erwachsene, die als Eltern wiederum ihren Kindern ein besseres Leben, eine starke Bindung geben können. Damit schließt sich der Kreis.